Der Eine für den Anderen

Verantwortung für eine menschliche Zukunft

Vortrag zum Martinsempfang der Kathinka-Platzhoff-Stiftung

Hanau,14.11.2025

… und der Zukunft zugewandt – Die Moderne als Fortschrittsgesellschaft

War die Zukunft in Antike und Mittelalter eine Zeit, die den Göttern oder dem einen Gott vorbehalten war, eine Zeit der Hoffnung auf Erlösung, eine Zeit, die auf den einzelnen Menschen zukam und die er nicht in der Hand hatte, so wird die Zukunft mit der Moderne zu etwas, das wir gestalten können.

Die Entdeckung der Weltmeere und des amerikanischen Kontinents, die Erfindung des Buchdrucks und der Feuerwaffen lassen die Menschen die Überzeugung gewinnen, ihre Zukunft in der Hand zu haben.

Jede Entdeckung oder Erfindung geben dem Menschen mehr Vertrauen in dieses Konzept der Planbarkeit: Navigation, Dampfmaschine, elektrischer Strom, Medizin, Hygiene, Biotechnologie, Computerwissenschaft. Die Welt wird jedes Mal ein Stück weit beherrschbarer. Die Zukunft wird planbarer.

Das sichtbarste Zeichen, dass sich unser Zeitverständnis geändert hat, ist die Einführung einer einheitlichen Zeit in der Folge des Ausbaus der Eisenbahn Mitte des 19. Jahrhunderts. Vorher war in jeder Stadt und in jedem Dorf 12 Uhr, wenn die Sonne ihren Höchststand erreicht hatte. Das Leben folgte der Natur. Mit der Industrialisierung wird die von Menschen definierte Zeit zum Taktgeber des Fortschritts.

Die Vereinheitlichung der Zeit, der technische Fortschritt und der marktwirtschaftliche Rahmen mit einem steuernden und planenden Management haben uns in den vergangenen 150 Jahren einen unglaublichen Wohlstand beschert. Die Zukunft stand offen: Sie war kein Schicksal mehr, sie war ein Gestaltungsraum. Das Land wurde erschlossen, Berge weggesprengt oder untertunnelt, Flüsse verlegt, Kanäle gegraben, zum Mond geflogen. 

Ost und West lieferten sich einen Wettlauf um die bessere Zukunft: »The only way is up« oder eben auch: »Vorwärts immer, rückwärts nimmer«

»Die Sorge aber möge es besitzen…« – Angst als Bedingung unserer Freiheit?

Die Gesellschaft der Depressiven und die Sehnsucht nach der besseren Zeit

Was ist geschehen? Wo ist diese Zukunft geblieben?  – Wir leben – so scheint es – in einer Zeit, die die Hoffnung auf die bessere Zukunft verloren hat. Das Leitthema unserer Tage sind die »Sorgen und Nöte der Menschen«. Die Kirchen sprechen schon länger davon, die Politik will sich ihrer annehmen, auch die Wirtschaft hat sie für sich entdeckt: Es gibt ein Sorgenbarometer des Umfrageunternehmens Ipsos und eine jährliche Studie der R+V Versicherung mit dem Namen »Die Ängste der Deutschen«. Mit den Sorgen und Nöten, mit den Änsten wird Geld verdient, politisch Stimmung gemacht und um Aufmerksamkeit gebuhlt.

Wir lesen und hören von Arbeitsplatzabbau in der Industrie, von steigenden Strom- und Gaspreisen, von Lieferengpässen bei Chips und Pennicilin, von hybriden Bedrohungen, vom Scheitern der großen Institutionen dieser Republik: Die Autoindustrie ist beim elektrischen und autonomen Fahren zu spät. Bei der Bundeswehr verspätet sich der Digitalfunk, und bei der Deutschen Bahn fast jede zweite ICE. – Das Land steht am Abgrund.

Kein Wunder, dass bei den gesetzlich Versicherten knapp 5 Millionen Menschen mit einer Angststörung und über 10 Millionen mit einer Depression diagnostiziert sind. Man kann das nicht addieren, aber das sind mindestens 13% bis hin zu 20% aller Versicherten; knapp 30% mehr als noch 2012.[1]

Einspruch: Es war früher nicht besser!

Dabei leben wir in grandiosen Zeiten: Das weltweite Wissen ist erschlossen und nur einen Prompt entfernt. Wir haben Technologien erfunden, die uns ermöglichen, ohne Verbrennung fossiler Ressourcen unser Lebensmodell zu erhalten. Wir verstehen die Ursachen von Demenz, es gibt Medikamente gegen AIDS und Adipositas. Die Entwicklung der Impfung gegen das Corona-Virus dauerte kein halbes Jahr. Wir leben immer länger und sind immer wohlhabender.

Eigentlich möchte ich jeden schütteln, der mir erklärt, es sei früher besser gewesen. Ich klage ja auch gerne, dass es besser sein könnte; aber lassen Sie es mich sehr deutlich sagen: Es war früher nicht besser: Geopolitisch nicht. Wirtschaftlich nicht. Und gesellschaftlich erst recht nicht.

Wenn wir geopolitsch einmal die ersten 50 Jahre des 20. Jahrhunderts außen vorlassen, wo wir als Deutsche nicht ganz unbeteiligt daran waren, den Kontinent zweimal in Schutt und Asche zu legen, dann sind auch die Jahre seit dem Zweiten Weltkrieg von heftigen und grausamen regionalen Auseiandersetzungen gekennzeichnet: Korea, Vietnam, die Kubakrise, Afghanistan, Iran-Irak. In Griechenland putschte 1967 das Militär und errichtete Konzentrationslager für politische Gefangene. Der spanische Faschismus hielt sich bis 1977. In Nordirland herrschte Bürgerkrieg bis 1998. Danach folgten der NATO-Einsatz im ehemaligen Jugoslawien, 9/11, noch ein Afghanistan-Krieg, der zweite Irakkrieg, der Überfall auf Tschetschenien, Georgien und die Krim.

Wirtschaftlich hatten wir im Zuge der Ölkrise Inflationsraten von im Schnitt über 5% zwischen 1970 und 1980. Nach der Wiedervereinigung stieg die Zahl der Arbeitslosen bis auf über 5 Millionen, was eine sozialdemokratisch geführte Regierung zu den Hartz-Reformen veranlasste, die noch heute den Mythos einer Zäsur mit sich tragen. Große, ehemals reiche Regionen spüren die Folgen des Strukturwandels bis heute.

Gesellschaftlich gab es gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen dem Staat und seinen Bürgern. Nicht nur die Durchsetzung des Baus der Startbahn West in Frankfurt forderte Tote. Gewalt in der Ehe und gegen Kinder war toleriert. Noch 1979 bestätigte das Bayerische Oberste Landesgericht ein »gewohnheitsrechtliches Züchtigungsrecht« von Lehrern im Unterricht. Schwul mochte man im Deutschland der 1970er Jahre auch nicht sein.

Auch die angebliche »Mutter aller Probleme«, die Migration, gab es schon immer: Über 10 Millionen Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten – in Baden demonstrierte die Bevölkerung gegen die Ansiedelung der Vertriebenen; brutto 14 Millionen, netto 3 Millionen, Arbeitsmigranten aus Südeuropa und der Türkei in der Wirtschaftswunderzeit; brutto über 7, netto knapp 4 Millionen Zuwanderer im Zuge der Auflösung des Warschauer Pakts zwischen 1988 und 1993. Als Rechtsradikale in den 1990er Jahren öffentlich Jagd auf Ausländer machten, war der Staat wehrlos.

Es war nicht besser. 

Doch eben jene Vorstellung, dass es früher besser war, ist elementarer Teil jener Sorge, die weite Teile der Gesellschaft ergriffen hat. Diese Sorge lebt von der Illusion einer besseren früheren Welt. Sie lebt von der Illusion einer Welt, die es so nie gabe. 

Sorge als Grundelement menschlichen Daseins:  Angst als Philosophische Bedingung der Freiheit

All das ist nicht neu. Die Menschen sorgten sich schon immer. Eine alte lateinische Fabel führt die Erschaffung des Menschen aus Lehm auf die Sorge zurück. Im Streit, zwischen den Göttern, wem der Mensch gehöre, urteilt Saturn, dass nach dem Tod des Menschen, Jupiter seinen Geist und Tellus seinen Körper bekommen solle.

»Weil aber die ›Sorge‹ dieses Wesen zuerst gebildet, so möge, solange es lebt, die ›Sorge‹ es besitzen. Weil aber über den Namen Streit besteht, so möge es ›homo‹ heißen, da es aus humus (Erde) gemacht ist‹.«[2]

Der deutsche Philosoph Martin Heidegger greift diese Erzählung auf und bestimmt die Sorge als Grundstruktur der menschlichen Existenz. Da das menschliche Wesen nicht abschließend definiert sei, wie das Wesen eines Steines zum Beispiel, finde sich der Mensch ausgestreckt zwischen Vergangenheit und Zukunft. Das Dasein sei ein »Sich-vorweg-schon-sein-in-(der-Welt-)als Sein-bei (innerweltlich begegnendem Seienden).«[3]

Zunächst und zumeist ist man bei den Dingen. Man ist mit dem Alltag beschäftigt und geht in ihm auf. Man besorgt sein Leben. Oder besser gesagt: Das Leben besorgt uns. In diesem täglichen Funktionieren aber sind wir nicht frei.

Erst die Erfahrung der Angst lässt den alltäglichen Lebenskontext seine Selbstverständlichkeit verlieren und offenbart dem Menschen, dass er nicht an die Welt gebunden ist, sondern sich selbst in die Zukunft entwerfen kann:

»Die Angst offenbart im Dasein das Sein zum eigensten Seinkönnen, das heißt Freisein für  die Freiheit des Sich-selbst-wählens und -ergreifens.«[4]

Das kann die Angst, weil sie das Dasein nach Heidegger’scher Deutung vereinzelt. Sie löst es aus dem Weltkontext, in dem es ansonsten im täglichen Besorgen aufgeht. Sie löst es daraus, weil sie es mit seinem eigenen Tod konfrontiert, den niemand für mich sterben kann. Die Angst vor dem Tod führt mich vor meine radikale Einsamkeit; und im Bewusstsein der Einsamkeit eröffnet sich Zukunft. So werden die Angst und der Tod positiv gedeutet zur Bedingung der Freiheit.

Was ich mich frage: Könnte es sein, dass diese Überlegung auch in die umgekehrte Richtung funktioniert? – Könnte es sein, dass nicht nur die Angst vereinzelt, sondern dass auch die Vereinzelung Angst macht? Und könnte es sein, dass nicht nur die Konfrontation mit dem Tod Angst macht, sondern dass die Art und Weise, wie wir unsere Gesellschaft organisieren, schon zu jener Vereinsamung führt? Könnte es sein, dass ausgerechnet das Aufgehen im täglichen Besorgen zu jener Einsamkeit führt, weil das tägliche Besorgen selbst leer geworden ist? – Das wären Angst und Einsamkeit ohne Freiheitserfahrung.

»Es geht voran« – Das Streben nach Wohlstand und die Verdrängung der Angst

Aus dem Freiheitsversprechen wird ein Wohlstandsversprechen

Warum glaube ich, dass das tägliche Besorgen leer geworden ist? – Es hat etwas damit zu tun, dass unsere Begegnungen und unsere Diskurse verarmen. Sie verarmen, weil wir sie auf die Frage der Wohlstands- oder Nutzenmehrung reduziert haben.

Was meine ich? – Die Moderne war mit großen Versprechen angetreten: Die gesellschaftliche Emanzipation der Arbeiter, die Emanzipation der Frauen, der Nicht-Glaubenden, der Anders-Glaubenden und der Anders-Liebenden. – Dafür lohnte sich die Angst. Sorgen und Ängste waren ein Durchgangsstadium zu einer besseren Zukunft. Sorgen und Ängste schufen Solidariät: »Wenn wir schreiten Seit an Seit…« –  die Arbeiterbewegung, die Frauenbewegung, die Schwulenbewegung.

Doch der Moderne gelang es nicht nur nicht, diese Versprechen einzulösen, im Verlauf der Geschichte hat sie sie mehrfach gebrochen. Und dieser Bruch kostete sie fundamentale Glaubwürdigkeit. Die Solidarität der Arbeiter scheiterte im Ersten Weltkrieg, als sich die Proletarier aller Länder nicht vereinigten, sondern bekämpften. Die Freiheit der Anders-Aussehenden, Anders-Glaubenden und Anders-Liebenden wurde durch den Nationalsozialismus und die anderen diktatorischen Regime negiert, aber auch danach durch Beharrungskräfte des konservativen Bürgertums in den Demokratien – in Teilen bis heute. Die Emanzipation der Frauen ließ lange auf sich warten, und wir sind immer noch nicht da, wo wir gerne wären. Das humanistische Ideal von Chancengleichheit und Bildung für alle erscheint uns fern.

Über all diese Brüchigkeiten hat sich aber eine Erzählung gelegt, die Bestand hatte, die alle anderen Erzählungen in sich aufnahm und die wir nur zu gern glaubten: Die Erzählung von Fortschritt und Wohlstand.

Frauen dürfen heute arbeiten, weil man individuell erkannte, dass man sich dadurch das Einfamilienhaus und den zweiten Urlaub leisten kann, und weil man gesamtgesellschaftlich auf ihre Sozialversicherungsbeiträge angewiesen ist. Anders-Glaubende und Anders-Farbige hat man akzeptiert, weil sie für das Wirtschaftswachstum unentbehrlich waren. Und die LGBTQ-Bewegung fand gesellschaftliche Aufmerksamkeit, weil man sie als Konsumenten und Mitarbeiter entdeckte und brauchte. Die mindestens genauso diverse Gruppe der Schwerbehinderten wartet darauf bis heute. – – Die Dinge sind komplizierter, ich weiß, aber so viel Zeit haben wir nicht.

Inhaltliche gesellschaftliche Konflikte, die sich aus dem Freiheitsstreben der Einzelnen hätten ergeben können, haben wir zu Verteilungskonflikten umgedeutet und mit Geld zugeschüttet. Die Frage, was uns das alles nützt, wurde zur Leitperspektive der Gesellschaft. Danach haben wir entschieden. – Pragmatisch. Undogmatisch. Inhaltsleer.

Der Nutzen als Leitsperspektive der Gesellschaft und die Ökonomie als ihre Leitwissenschaft

Da die Frage des Nutzens eine zutiefst ökonomische Frage ist, wundert es nicht, dass sich die Ökonomie als Leitwissenschaft für diese Gesellschaftsform anbot. Jedes gesellschaftlich Problem wurde zu einem ökonomischen Optimierungsproblem, weil Menschen – so die Überzeugung des amerikanischen Ökonomen Gary Becker, der für seine Arbeiten 1992 den Wirtschaftsnobelpreis erhielt – immer und überall ihren Nutzen maximieren, »gleichgültig ob sie egoistisch, altrusitisch, loyal, boshaft oder masochistisch sind.«[5]

Kriminalität, Eheschließung, die Zeugung von Nachkommen, die Diskriminierung von Minderheiten – alles eine Frage von Nutzenerwägungen. Selbst Altruismus und Suizid lassen sich als ich-orientierte Nutzenfunktion darstellen.

Dass alles in dieser Welt Nutzenerwägungen folgt, ist mittleweile common sense. Die ganzen Diskussionen um Verschärfung der Sanktionen im Bürgergeld und dem steuerfreien Zuverdienst in der Rente ergeben nur dann Sinn.

Diese ökonomische Erzählung habe ich in den vergangenen fast 20 Jahren täglich als Berater erlebt. Ich habe sie mit meinen Analysen unterstützt und gestärkt und vielleicht eine Zeit lang sogar daran geglaubt. Keine Sorge, das wird jetzt keine Beichte. Vor ihnen steht nicht der reumütige Sünder, zumindest nicht in Bezug auf meine Berufswahl und langjährige Tätigkeit. Vieles von dem, was ich gemacht habe und was meine Kollegen machen, halte ich bis heute für sinnvoll. 

Nicht sinnvoll allerdings ist der Anspruch, mit der Ökonomie alles erklären zu können und mit Managementmethoden die Zukunft gestalten zu wollen. Diesem Unsinn sitzen aber leider allzuviele auf, auch jenseits von Beratung und Management.

Dabei weiß die Ökonomie, dass Menschen nicht immer so handeln, doch sie ändert nicht ihr Analysewerkzeug, sondern erklärt die Abweichung mit dem Unwissen der Menschen, biologischen Kurzschlüssen oder verborgenen Nutzenkategorien, die wir noch nicht entdeckt haben.

Menschen mögen nicht immer so handeln, aber Unternehmen werden so organisiert und gesteuert und steuern ihrerseits so ihre Mitarbeiter. Sie geben ihren Vertrieblern, Produktionsmitarbeitern und Managern Anreize, damit sie den Gewinn des Unternehmens steigern. Das geht an diesen Menschen nicht spurlos vorbei.

Denn Ziele und Anreize haben einen interessanten Effekt: Sie schaffen einen Mangel, wo es vielleicht gar keinen gibt. Wenn Sie als Autohändler in diesem Jahr 100 Autos verkaufen, nachdem es im vergangenen Jahr 95 waren, könnten Sie eigentlich zufrieden sein. Wenn man Ihnen aber ein Ziel von 103 gegeben hat, dann haben Sie zu wenig erreicht. Auf Ihrer Zielvereinbarung leuchtet eine rote Ampel. Und Sie machen sich Sorgen, sie reagieren mit Angst. Nicht, weil sie dadurch aus dem täglichen Besorgen ausbrechen, sondern weil sie mit dem täglichen Besorgen nicht Schritt halten und tiefer hineingezwungen werden.

Ihre Angst befreit sie nicht, Ihre Angst kettet Sie an den Alltag. Insecure Overachiever nennt man diesen Typ in der Beratung. Er liefert gute Ergebnisse, aber es ist nie genug. Ständig nagt da dieser Zweifel, den niemand abstellen mag, weil er dem System nützt. Denn daraus entsteht Wachstum.

Die Mehrung des Nutzens und die Beschleunigung des Alltags als Verheißung einer besseren Welt

Wir nennen es zwar Wachstum, aber eigentlich handelt es sich um eine Beschleunigung. Mehr Autos in weniger Zeit verkaufen, das bedeutet, schneller werden. Wenn das Bruttoinlandsprodukt wächst, dann produzieren und konsumieren wir mehr in kürzerer Zeit.

Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt jene Beschleunigung als das übergreifende Phänomen der Moderne. Technik, Wirtschaft, Kultur, Gesellschaft – überall werden die Interaktionen schneller. »Geschichte wird gemacht, es geht voran.«

Diese Beschleunigung wurde lange Zeit vom modernen Menschen als eine Verheißung wahrgenommen, weil man meinte, so in ein begrenztes Leben mehr Inhalt hineinzufüllen. Der Angst vor dem Tod begegnen wird mit einer Beschleunigung der Lebenszusammenhänge.

Wo alles immer schneller wird, da wird aber die Zeit knapp. Das ist gut für das ökonomische Paradigma. Denn Ökonomie ist die Wissenschaft, von der effzienten Verteilung knapper Ressourcen. Und der Markt ist die Dezentralisierung und Beschleunigung von Entscheidungen. Wir sehen daher in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine bemerkenswerte Durchdringung der Gesellschaft von ökonomischem Denken und ökonomischen Organisationsprinzipien. Anders hätten wir mit dem Zeitdruck nicht standgehalten.

»Bowling alone« – Die Kehrseite des Wohlstandsstrebens

Der Rückgang des gesellschaftlichen Engagements

Diese Beschleunigung hat eine Kehrseite. Der amerikanische Soziologe Robert D. Putnam wies 1995 in seinem Artikel Bowling Alone auf einen interessanten Effekt hin: Während Ende des 20. Jahrhunderts mehr Amerikaner als je zuvor bowlten und die Zahl der Bowler zwischen 1980 und 1993 um 10 % stieg, sei das Spielen im Verein um 40 % zurückgegangen.

Ähnliches gilt für Deutschland: Parteien, Gewerkschaften und Kirchen verlieren Mitglieder. Die Sportvereine gewinnen zwar insgesamt Mitglieder, aber in der Statistik des Deutschen Olympischen Sportbunds zeigt sich ein interessanter Effekt: In der Altersgruppe der 27-40-Jährigen fällt die Mitgliederzahl um rund 30% gegenüber dem Jahr 2000. Das wird wettgemacht durch einen deutlichen Anstieg bei den Menschen ab 60.

Warum haben die Menschen weniger Zeit? – 

Die Wege zur Arbeit sind weiter geworden: Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten stieg von 2000 bis 2018 um 4,75 Millionen, die Zahl der Pendler stieg um 4,35 Millionen. – Fast jeder zusätzliche Arbeitnehmer fährt. 

Der Alltag ist komplizierter geworden: Ständig müssen wir Entscheidungen treffen, die bis Mitte der 1990er Jahre niemand treffen musste: Welches Telefon und welchen Tarif wollen wir haben? Welchen Strom- und Gasvertrag? Welches Streaming-Abo? Welche Krankenkasse, Riesterrente, Zahnzusatzversicherung?

Zudem ist Wohlstand anstrengend: Wer größere Wohnungen hat, muss mehr putzen, wer öfter in Urlaub fährt mehr planen, und auch der während Corona angeschaffte Gasgrill verlangt Aufmerksamkeit.

Hinzu kommt, dass der Effekt des Fortschritts auf die private Zeit der Menschen sich verändert hat: Waschmaschine, Trockner und Spülmaschine schufen freie Zeit im Haushalt. Das Auto beschleunigte den Weg zur Arbeit. Das Telefon erleichterte Absprachen in Familie und Freundeskreis. – Heute verdienen die größten Unternehmen ihr Geld mit der Verwertung unserer Freizeit: Wachstum kommt aus dem Abonnement von Unterhaltungsdiensten, digitalen Spielen oder dem Konsum von Werbung.

Zerrissene Bande: Bezahlen statt Beziehung

Im Ergebnis haben wir weniger Zeit für die Verpflichtungen in Kirche, Partei oder Verein und ersetzen sie durch kommerzielle Angebote. Der deutsche Soziologe Niklas Luhmann beschrieb den Wandel der modernen Gesellschaft bereits im Jahr 1988 folgendermaßen:

»Man gibt nicht in Ausführung einer sozialen Verpflichtung zur Reziprozität, man hilft nicht als Nachbar, man arbeitet nicht in der frommen Gesinnung, dadurch dem Willen Gottes zu dienen. Man lässt sich bezahlen.«[6]

Man muss nicht mehr Mitglied in einem Verein sein und Arbeitsstunden leisten, um Sport machen zu können. Man muss nicht Mitglied einer Kirche sein und Riten und Gebete lernen, um Besinnung und Seelsorge zu finden. Man muss nicht Mitglied einer Gewerkschaft oder Genossenschaft sein, um im Fall von Krankheit oder Arbeitslosigkeit abgesichert zu sein. – Man geht ins Fitnessstudio, zum Psychotherapeuten und schließt eine Versicherung ab. Und man bezahlt.

Wo Marx durch die Bourgeoisie nur die Feudalbande zwischen Vorgesetztem und Arbeiter zerissen sah, sind in unserer heutigen Gesellschaft die meisten anderen Verbindungen zumindest angerissen.

Die Rückkehr der Angst durch Verlust des gesellschaftlichen Rückhalts

Die Gesellschaft wird dadurch zu einem Ort der Tauschbeziehungen, die über den einzelnen Tausch hinaus nicht gebraucht werden. Das tragende Gefüge der zwischenmenschlichen Beziehungen wird schwächer. Für die Starken mag das ein Zugewinn an Freiheit sein, doch die Schwachen erleben es als Ohnmacht. 

Der Rückhalt der Gesellschaft fehlt. Darum werden Sorgen heute intensiver erlebt.

»Stark wie der Tod« – Zukunft als Ereignis der Begegnung des Anderen

Die Zukunft ist nicht die Verlängerung der Gegenwart

Bevor wir anders handeln, müsten wir zunächst einmal anders denken. Solange wir die Zukunft als etwas Machbares begreifen und die Beziehung zum anderen Menschen als eine transaktionale Tauschbeziehung, so lange werden wir gesellschaftliche Strukturen ausbilden wie diejenigen, die wir heute haben.

Doch eine Zukunft, die auf meinen Plänen beruht, kann nie über mich selbst hinausführen. In einer solchen Zukunft bleibe ich immer alleine, weil ich sie plane und ich an ihrer Umsetzung arbeite. 

Der französische Philosoph Jacques Derrida hat daher die Zukunft als ein aus nichts Gegenwärtigem ableitbares Geschehen beschrieben. Echte Zukunft, Zukunft, die ich nicht machen kann, wäre ein Ereignis, ein événement – ein Hervorkommnis. Sie lässt sich nicht planen, und man kann sich nicht auf sie vorbereiten. Sie wäre eine echte Innovation, eine Disruption und eine Transformation.

Das sind alles Begriffe, die wir aus dem Business- und Politik-Sprech unserer Tage kennen. Dort aber überhöhen sie das Ausmaß einer gesellschaftlichen Veränderung, die nur die Verlängerung der Gegenwart mit anderen Mitteln ist, und schaffen Erwartungen, die niemand einzulösen vermag.

Zukunft kommt mir vom anderen her zu

Wenn wir aber Zukunft als das ganz Andere verstehen wollen, wenn wir sie als etwas verstehen wollen, was aus unserer Gegenwart nicht ableitbar ist, dann müssen wir die Interpretation der Einsamkeit als Motor der Freiheit und die Vorstellung des Todes als Bedingung der Freiheit des Daseins aufgeben.

Das Subjekt ist nicht der einsame Held, der sich von der Welt freimacht und für sich eine Zukunft entwirft. Das Subjekt ist in der Welt einer Passivität und Anderheit ausgesetzt, der es strukturell nicht Herr wird. Das zeigt sich vor allem angesichts des Todes. Der französische Philosoph Emmanuel Levinas hält gegen Heidegger fest, dass der Tod kein Moment der Freiheit ist, sondern eine Offenbarung der fundamentalen Ohnmacht des Subjekts: 

»Das Objekt, dem ich begegne, wird begriffen, und, kurz gesagt, durch mich konstruiert, während der Tod ein Ereignis ankündigt, dessen das Subjekt nicht Herr ist, ein Ereignis, in bezug auf welches das Subjekt nicht mehr Subjekt ist.«[7]

Der Tod bedeutet das Ende meiner Zukunft, nicht deren Bedingung. Die Zukunft, das ist nicht die Verlängerung meiner Möglichkeiten aus der Gegenwart, das ist das ganz andere, was auf mich zukommt, das ich im Unterschied zur Welt des täglichen Besorgens nicht begreife und mir nicht unterwerfen kann. Und dieses ganz andere macht Angst, aber Angst, die nicht befreit.

Wie begegnet man dieser Angst? – Levinas sieht weder den Ausweg, den Heidegger vorschlägt, noch den, dem sich unsere Gesellschaft verschrieben hat. Der Angst des Daseins begegnet man weder mit einer Münchhausen-gleichen Geste der Selbstermächtigung, noch mit einer Flucht in die alltägliche Anonymität.

Die Angst vor dem Anderen in Form des mich vernichtenden Todes oder in Form einer anonymen Welt, in der ich einsam bin, – diese Angst vor dem Anderen – kann mir nur ein Anderer nehmen, der mich in der Begegnung mit ihm nicht vernichtet, sondern mich aus meiner Einsamkeit und Zwangsläufigkeit befreit. Die Angst nehmen und damit Zukunft geben kann nur jemand, der mit mir in eine konkrete Beziehung eintritt und mich über mich selbst hinausführt, mich letztlich von mir selbst befreit.

Dieser Andere dürfte aber nicht Teil eines Systems sein, in dem er nur eine Funktion für mich hat und in dieser Funktion austauschbar ist. Die Verkäuferin, der Pfleger, die Abteilungsleiterin, der Coach, der Finanzbeamte – sie alle haben eine berechenbare Funktion für mich, sie sind für mich nützlich, nicht anders.

Zukunft käme mir nur von einem anderen her zu, der für mich zu nichts nutze ist, den ich nicht brauche, der mir begegnet als Ereignis, der mich anspricht, ohne dass ich es mir ausgesucht hätte oder mich wehren könnte.

Zukunft braucht Zeit, und Zeit ist nicht machbar

Nach Levinas eröffent sich im Verhältnis zum anderen Menschen die Möglichkeit für das Subjekt, eine Beziehung zur Zukunft zu unterhalten, die es nicht vernichtet, sondern die es über sich selbst hinausführt. Die Zeit, das ist ist für ihn nicht das Ergebnis meines Denkens oder meines Selbstetnwurfs. Die Zeit entstammt dem Verhältnis zum anderen Menschen. 

Die Zukunft ist das, was mir vom anderen geschenkt wird, nicht das, was ich machen kann oder machen muss. Menschliche Beziehung kostet in diesem Verständnis nicht Zeit, sie stiftet erst die Zeit. Sie stiftet Zeit, die Bedeutsamkeit hat, über meinen Tod hinaus.

Solche Zeit lässt sich nciht optimieren. Die gemeinsame Zeit mit denen, die uns lieb sind, steht nicht in unserer Macht. Sie lässt sich nicht verlustfrei verkürzen, sondern ist wertvoll in ihrer Dauer. In der liebenden Nähe zum anderen versagt die Effizienz. Der Begriff der Quality Time ist eine Lüge oder bestenfalls ein Irrtum.

»Die Würdigkeit, glücklich zu sein« – Verantwortung als Kern des Subjekts

Die Würde des moralischen Gesetzes als Bedingung der Freiheit

Es gibt bei Immanuel Kant einen interessanten Gedanken. Wir sind nicht frei, weil wir tun können, was wir wollen. Auch ein Tier kann tun, was es will.

Freiheit bedeutet nicht: Tun können, was man will. Sondern: Nicht tun müssen, was man will. Freiheit ist die Möglichkeit, gegen meinen Willen und gemäß meiner Vernunft zu handeln.

Wir wissen um diese radikale Freiheit, weil wir in unserer Vernunft ein Gesetz entdecken, das im Kern unseres Denkens unseren Willen stört und uns auf den Anderen ausrichtet. Dieses Gesetzt ist der kategorische Imperativ: 

»Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.«

Wir entdecken unsere Freiheit nicht in der Angst, sondern in der Verwiesenheit auf den Anderen, in der Verantwortung für den anderen Menschen.

In der Verantwortung für den anderen bin ich unersetzlich

Wenn aber die Freiheit mit Kant das Ergebnis einer Verwiesenheit auf den anderen ist und die Zukunft mit Levinas das Ergebnis der Begegnung mit dem anderen, dann gerät die Selbstverständlichkeit des modernen Subjekts ins Wanken. 

Es kann seine Freiheit, die sich in seiner Zukunftsfähigkeit äußert, nicht mehr aus sich selbst heraus begründen, sondern es entdeckt im Kern seiner eigenen Subjektivität eine Verwiesenheit auf den anderen als Bedingung seiner eigenen Existenz.

Es gibt zwei mögliche Ausprägungen dieses Verhältnisses zum anderen Menschen: eine auf mich und meinen Nutzen orientierte Beziehung und eine Beziehung der Verantwortung für den anderen. Levinas schlägt ein Gedankenexperiment vor: Wenn es nur den anderen und mich gäbe, und wir kämen in eine Situation, in der nur einer überleben könnte und das Überleben des anderen läge ich meiner Hand, so käme ich aus der Situation nicht lebendig und unschuldig zugleich heraus.

Es gibt einen Unterschied zwischen einer ökonomischen Beziehung, die sich in der Optimierung meines Nutzens erfüllt und in der ich alleine bleibe, und einem ethischen Verhältnis, in dem die bloße Existenz des anderen mir sagt: Töte mich nicht.

Ich habe die Wahl zwischen der Ökonomie als Leitperspektive oder der Ethik als erster Philosophie, wie Levinas das nennt.

Wenn ich den anderen in seiner Sterblichkeit nicht alleine lassen will, dann wird die Verantwortung für den anderen zur Bedingung meiner Existenz. Verantwortung ist die Bedingung dafür, dass es Gesellschaft geben kann. Aus dieser Veratwortung erwächst meinem Leben eine Bedeutung über meine eigenen Existenz hinaus, und daraus erwächst mir und uns eine Zukunft. Meine Existenz rechtfertigt sich nicht aus meinen Plänen, sondern aus meiner Verantwortung für den anderen. In dieser Verantwortung bin ich unersetzlich.

Im Alltag gibt es diese Zweier-Situation nicht. Wir haben viele Verantwortlichkeiten. Wir müssen abwägen und rechnen. Das ist der Platz der Ökonomie. Aber abgeleitet aus einer Grundsituation, in der es nicht um meinen Nutzen geht.

Ausgerechnet in der Finanzindustrie und bei McKinsey gibt es ein Motto, das diese Haltung in die Geschäftswelt zu übersetzen scheint. Es lautet: »Client first, firm second, me third.« – Das haben die Berater nicht erfunden. Auch die Navy Seals kennen die Losung »Mission first, Team second, me third.« Daraus spricht die tiefe Erfahrung, dass es in diesem Leben nicht zuerst um mich geht.

Verantwortung für die Zukunft, eine Zukunft ohne mich

Was bedeutet das nun für die Zukunft? 

Verantwortung für den anderen, das ist Verantwortung für die Zukunft. Darauf verzichten, der Zeitgenosse seines Erfolges zu sein. So formulierte Levinas einmal und verwies auf den Propheten Mose, der – obwohl er wusste, dass er selbst wegen des Glaubensabfalls der Israeliten nicht ins verheißene Land einziehen würde – dennoch das Volk auf seinem Weg durch die Wüste anführte. Er starb, und das Volk durfte das Land besiedeln.

Wenn mir die Zukunft vom anderen her zukommt, dann kann ein Arbeiten für die Zukunft nur in einer Verantwortung für den anderen geschehen, die darauf verzichtet, heute für mich einen Nutzen zu suchen.

Dieses Denken und diese Haltung widersprechen aller ökonomischen Logik, die wir so kennen, individuell und institutionell: Wenn der Einzelne nach Zukunft fragt, fragt er nach seinen Karrierechancen. Wenn Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft nach Zukunft fragen, dann fragen sie nach Wirksamkeit. – Es könnte sein, dass just dieses Denken am wirksamsten die Zukunft verhindert. 

Erlauben Sie mir eine persönliche Bemerkung als Vater von drei Kindern: Wie gering muss eine Gesellschaft von sich denken, dass man meint, sie von der Bildung ihrer Kinder mit dem Argument überzeugen zu müssen, das würde sich rentieren?

»Hier, sieh mich!« – Vom Hören und Dienen

Der heilige Martin und das bleibende Erbe der großen religiösen Traditionen

Wenn wir vom Menschen nicht gering, sondern groß denken wollen, dann hilft uns das Erbe der religiösen Traditionen. Der Martinsempfang erinnert an jenen Heiligen, von dem die Legende erzählt, er habe seinen Mantel mit dem Schwert geteilt, um einen nackten Bettler zu kleiden. Im Traum sei ihm anschließend der Herr erschienen, bekleidet mit der Hälfte des Mantels. 

Das spielt auf die Bergpredigt an, in der Jesus über die Endzeit und den Grund für die Erlösung der Gerechten spricht: 

»Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen.« (Mt 25, 35f)

Die Gerechten wundern sich und fragen zurück, wann sie denn jemals den Herrn hungrig oder durstig oder nackt gesehen hätten und ihm zu Hilfe gekommen seien. Da antwortet Jesus: 

»Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.« (Mt 25,40)

Im Buch Levitikus lesen wir: 

»Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott.« (Lev 19,34)

Die religiösen Traditionen des Christentums, des Judentums und auch des Islams, die sich alle aus der jüdischen Überlieferung, wie sie sich in der hebräischen Bibel und auch im Talmud niedergeschlagen hat, speisen, kennen nicht nur diesen Vorrang der Benachteiligten, er ist der Kern ihrer Botschaft. Doch nicht nur ihrer Botschaft.

Das ist der Urspung des kategorischen Imperativs. – Der Kern der menschlichen Existenz ist die Berufung für den Dienst am anderen, die Berufung für die Zukunft.

Warum man dafür nicht glauben muss

Dafür muss man nicht glauben. Also nicht im klassischen Sinne. – Man müsste dafür aber hören und bereit sein zu antworten, was vielleicht schon glauben heißt.

Das wiederum könnte man von jenen lernen, von denen die religiösen Traditionen sprechen. In der hebräischen Bibel ist die klassische Antwort der Propheten auf den Ruf Gottes das Wort Hinneni. – »Hier bin ich« oder auch »Hier, sieh mich«.

Darin finden wir das Ich nicht wie in der Tradition der Moderne in einer Position der Stärke und Freiheit, sondern im Akkusativ. Es ist das zweite i in Hinneni, der letzte Buchstabe im Wort, das hebräische Jota, der kleinste Buchstabe des hebräischen Alphabets. Das Ich kommt zu sich, wenn der andere es ruft. Es kommt zu sich im Bewusstsein, antworten zu müssen. Und dieser Ruf des anderen eröffnet Zukunft. – Ob der andere Gott ist oder ein nackter Bettler, wer weiß das schon…


[1] Vgl.: Gesundheitsberichterstattung des Robert-Koch-Instituts für 2023.

[2] Zitiert nach Martin Heidegger. Sein und Zeit, §42, S. 198.

[3] Heidegger. Sein und Zeit §41, S. 192.

[4] Heidegger. Sein und Zeit, §40, S. 188.

[5] Becker, The Economic Way of Looking at Life, Nobel Lecture.

[6] Luhmann, Niklas. Die Wirtschaft der Gesellschaft. 8. Auflage. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1152. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2019, 240f.

[7] Emmanuel Levinas, Die Zeit und der Andere, 43.