Autor, Philosoph, Theologe

Schlagwort: Levinas

  • Der Eine für den Anderen

    Der Eine für den Anderen

    … und der Zukunft zugewandt – Die Moderne als Fortschrittsgesellschaft

    »Die Sorge aber möge es besitzen…« – Angst als Bedingung unserer Freiheit?

    »Es geht voran« – Das Streben nach Wohlstand und die Verdrängung der Angst

    Wir nennen es zwar Wachstum, aber eigentlich handelt es sich um eine Beschleunigung. Mehr Autos in weniger Zeit verkaufen, das bedeutet, schneller werden. Wenn das Bruttoinlandsprodukt wächst, dann produzieren und konsumieren wir mehr in kürzerer Zeit.

    Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt jene Beschleunigung als das übergreifende Phänomen der Moderne. Technik, Wirtschaft, Kultur, Gesellschaft – überall werden die Interaktionen schneller. »Geschichte wird gemacht, es geht voran.«

    Diese Beschleunigung wurde lange Zeit vom modernen Menschen als eine Verheißung wahrgenommen, weil man meinte, so in ein begrenztes Leben mehr Inhalt hineinzufüllen. Der Angst vor dem Tod begegnen wird mit einer Beschleunigung der Lebenszusammenhänge.

    Wo alles immer schneller wird, da wird aber die Zeit knapp. Das ist gut für das ökonomische Paradigma. Denn Ökonomie ist die Wissenschaft, von der effzienten Verteilung knapper Ressourcen. Und der Markt ist die Dezentralisierung und Beschleunigung von Entscheidungen. Wir sehen daher in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine bemerkenswerte Durchdringung der Gesellschaft von ökonomischem Denken und ökonomischen Organisationsprinzipien. Anders hätten wir mit dem Zeitdruck nicht standgehalten.

    »Bowling alone« – Die Kehrseite des Wohlstandsstrebens

    Diese Beschleunigung hat eine Kehrseite. Der amerikanische Soziologe Robert D. Putnam wies 1995 in seinem Artikel Bowling Alone auf einen interessanten Effekt hin: Während Ende des 20. Jahrhunderts mehr Amerikaner als je zuvor bowlten und die Zahl der Bowler zwischen 1980 und 1993 um 10 % stieg, sei das Spielen im Verein um 40 % zurückgegangen.

    Ähnliches gilt für Deutschland: Parteien, Gewerkschaften und Kirchen verlieren Mitglieder. Die Sportvereine gewinnen zwar insgesamt Mitglieder, aber in der Statistik des Deutschen Olympischen Sportbunds zeigt sich ein interessanter Effekt: In der Altersgruppe der 27-40-Jährigen fällt die Mitgliederzahl um rund 30% gegenüber dem Jahr 2000. Das wird wettgemacht durch einen deutlichen Anstieg bei den Menschen ab 60.

    Warum haben die Menschen weniger Zeit? – 

    Die Wege zur Arbeit sind weiter geworden: Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten stieg von 2000 bis 2018 um 4,75 Millionen, die Zahl der Pendler stieg um 4,35 Millionen. – Fast jeder zusätzliche Arbeitnehmer fährt. 

    Der Alltag ist komplizierter geworden: Ständig müssen wir Entscheidungen treffen, die bis Mitte der 1990er Jahre niemand treffen musste: Welches Telefon und welchen Tarif wollen wir haben? Welchen Strom- und Gasvertrag? Welches Streaming-Abo? Welche Krankenkasse, Riesterrente, Zahnzusatzversicherung?

    Zudem ist Wohlstand anstrengend: Wer größere Wohnungen hat, muss mehr putzen, wer öfter in Urlaub fährt mehr planen, und auch der während Corona angeschaffte Gasgrill verlangt Aufmerksamkeit.

    Hinzu kommt, dass der Effekt des Fortschritts auf die private Zeit der Menschen sich verändert hat: Waschmaschine, Trockner und Spülmaschine schufen freie Zeit im Haushalt. Das Auto beschleunigte den Weg zur Arbeit. Das Telefon erleichterte Absprachen in Familie und Freundeskreis. – Heute verdienen die größten Unternehmen ihr Geld mit der Verwertung unserer Freizeit: Wachstum kommt aus dem Abonnement von Unterhaltungsdiensten, digitalen Spielen oder dem Konsum von Werbung.

    Im Ergebnis haben wir weniger Zeit für die Verpflichtungen in Kirche, Partei oder Verein und ersetzen sie durch kommerzielle Angebote. Der deutsche Soziologe Niklas Luhmann beschrieb den Wandel der modernen Gesellschaft bereits im Jahr 1988 folgendermaßen:

    »Man gibt nicht in Ausführung einer sozialen Verpflichtung zur Reziprozität, man hilft nicht als Nachbar, man arbeitet nicht in der frommen Gesinnung, dadurch dem Willen Gottes zu dienen. Man lässt sich bezahlen.«[6]

    Man muss nicht mehr Mitglied in einem Verein sein und Arbeitsstunden leisten, um Sport machen zu können. Man muss nicht Mitglied einer Kirche sein und Riten und Gebete lernen, um Besinnung und Seelsorge zu finden. Man muss nicht Mitglied einer Gewerkschaft oder Genossenschaft sein, um im Fall von Krankheit oder Arbeitslosigkeit abgesichert zu sein. – Man geht ins Fitnessstudio, zum Psychotherapeuten und schließt eine Versicherung ab. Und man bezahlt.

    Wo Marx durch die Bourgeoisie nur die Feudalbande zwischen Vorgesetztem und Arbeiter zerissen sah, sind in unserer heutigen Gesellschaft die meisten anderen Verbindungen zumindest angerissen.

    Die Gesellschaft wird dadurch zu einem Ort der Tauschbeziehungen, die über den einzelnen Tausch hinaus nicht gebraucht werden. Das tragende Gefüge der zwischenmenschlichen Beziehungen wird schwächer. Für die Starken mag das ein Zugewinn an Freiheit sein, doch die Schwachen erleben es als Ohnmacht. 

    Der Rückhalt der Gesellschaft fehlt. Darum werden Sorgen heute intensiver erlebt.

    »Stark wie der Tod« – Zukunft als Ereignis der Begegnung des Anderen

    Bevor wir anders handeln, müsten wir zunächst einmal anders denken. Solange wir die Zukunft als etwas Machbares begreifen und die Beziehung zum anderen Menschen als eine transaktionale Tauschbeziehung, so lange werden wir gesellschaftliche Strukturen ausbilden wie diejenigen, die wir heute haben.

    Doch eine Zukunft, die auf meinen Plänen beruht, kann nie über mich selbst hinausführen. In einer solchen Zukunft bleibe ich immer alleine, weil ich sie plane und ich an ihrer Umsetzung arbeite. 

    Der französische Philosoph Jacques Derrida hat daher die Zukunft als ein aus nichts Gegenwärtigem ableitbares Geschehen beschrieben. Echte Zukunft, Zukunft, die ich nicht machen kann, wäre ein Ereignis, ein événement – ein Hervorkommnis. Sie lässt sich nicht planen, und man kann sich nicht auf sie vorbereiten. Sie wäre eine echte Innovation, eine Disruption und eine Transformation.

    Das sind alles Begriffe, die wir aus dem Business- und Politik-Sprech unserer Tage kennen. Dort aber überhöhen sie das Ausmaß einer gesellschaftlichen Veränderung, die nur die Verlängerung der Gegenwart mit anderen Mitteln ist, und schaffen Erwartungen, die niemand einzulösen vermag.

    Wenn wir aber Zukunft als das ganz Andere verstehen wollen, wenn wir sie als etwas verstehen wollen, was aus unserer Gegenwart nicht ableitbar ist, dann müssen wir die Interpretation der Einsamkeit als Motor der Freiheit und die Vorstellung des Todes als Bedingung der Freiheit des Daseins aufgeben.

    Das Subjekt ist nicht der einsame Held, der sich von der Welt freimacht und für sich eine Zukunft entwirft. Das Subjekt ist in der Welt einer Passivität und Anderheit ausgesetzt, der es strukturell nicht Herr wird. Das zeigt sich vor allem angesichts des Todes. Der französische Philosoph Emmanuel Levinas hält gegen Heidegger fest, dass der Tod kein Moment der Freiheit ist, sondern eine Offenbarung der fundamentalen Ohnmacht des Subjekts: 

    »Das Objekt, dem ich begegne, wird begriffen, und, kurz gesagt, durch mich konstruiert, während der Tod ein Ereignis ankündigt, dessen das Subjekt nicht Herr ist, ein Ereignis, in bezug auf welches das Subjekt nicht mehr Subjekt ist.«[7]

    Der Tod bedeutet das Ende meiner Zukunft, nicht deren Bedingung. Die Zukunft, das ist nicht die Verlängerung meiner Möglichkeiten aus der Gegenwart, das ist das ganz andere, was auf mich zukommt, das ich im Unterschied zur Welt des täglichen Besorgens nicht begreife und mir nicht unterwerfen kann. Und dieses ganz andere macht Angst, aber Angst, die nicht befreit.

    Wie begegnet man dieser Angst? – Levinas sieht weder den Ausweg, den Heidegger vorschlägt, noch den, dem sich unsere Gesellschaft verschrieben hat. Der Angst des Daseins begegnet man weder mit einer Münchhausen-gleichen Geste der Selbstermächtigung, noch mit einer Flucht in die alltägliche Anonymität.

    Die Angst vor dem Anderen in Form des mich vernichtenden Todes oder in Form einer anonymen Welt, in der ich einsam bin, – diese Angst vor dem Anderen – kann mir nur ein Anderer nehmen, der mich in der Begegnung mit ihm nicht vernichtet, sondern mich aus meiner Einsamkeit und Zwangsläufigkeit befreit. Die Angst nehmen und damit Zukunft geben kann nur jemand, der mit mir in eine konkrete Beziehung eintritt und mich über mich selbst hinausführt, mich letztlich von mir selbst befreit.

    Dieser Andere dürfte aber nicht Teil eines Systems sein, in dem er nur eine Funktion für mich hat und in dieser Funktion austauschbar ist. Die Verkäuferin, der Pfleger, die Abteilungsleiterin, der Coach, der Finanzbeamte – sie alle haben eine berechenbare Funktion für mich, sie sind für mich nützlich, nicht anders.

    Zukunft käme mir nur von einem anderen her zu, der für mich zu nichts nutze ist, den ich nicht brauche, der mir begegnet als Ereignis, der mich anspricht, ohne dass ich es mir ausgesucht hätte oder mich wehren könnte.

    Nach Levinas eröffent sich im Verhältnis zum anderen Menschen die Möglichkeit für das Subjekt, eine Beziehung zur Zukunft zu unterhalten, die es nicht vernichtet, sondern die es über sich selbst hinausführt. Die Zeit, das ist ist für ihn nicht das Ergebnis meines Denkens oder meines Selbstetnwurfs. Die Zeit entstammt dem Verhältnis zum anderen Menschen. 

    Die Zukunft ist das, was mir vom anderen geschenkt wird, nicht das, was ich machen kann oder machen muss. Menschliche Beziehung kostet in diesem Verständnis nicht Zeit, sie stiftet erst die Zeit. Sie stiftet Zeit, die Bedeutsamkeit hat, über meinen Tod hinaus.

    Solche Zeit lässt sich nciht optimieren. Die gemeinsame Zeit mit denen, die uns lieb sind, steht nicht in unserer Macht. Sie lässt sich nicht verlustfrei verkürzen, sondern ist wertvoll in ihrer Dauer. In der liebenden Nähe zum anderen versagt die Effizienz. Der Begriff der Quality Time ist eine Lüge oder bestenfalls ein Irrtum.

    »Die Würdigkeit, glücklich zu sein« – Verantwortung als Kern des Subjekts

    Es gibt bei Immanuel Kant einen interessanten Gedanken. Wir sind nicht frei, weil wir tun können, was wir wollen. Auch ein Tier kann tun, was es will.

    Freiheit bedeutet nicht: Tun können, was man will. Sondern: Nicht tun müssen, was man will. Freiheit ist die Möglichkeit, gegen meinen Willen und gemäß meiner Vernunft zu handeln.

    Wir wissen um diese radikale Freiheit, weil wir in unserer Vernunft ein Gesetz entdecken, das im Kern unseres Denkens unseren Willen stört und uns auf den Anderen ausrichtet. Dieses Gesetzt ist der kategorische Imperativ: 

    »Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.«

    Wir entdecken unsere Freiheit nicht in der Angst, sondern in der Verwiesenheit auf den Anderen, in der Verantwortung für den anderen Menschen.

    Wenn aber die Freiheit mit Kant das Ergebnis einer Verwiesenheit auf den anderen ist und die Zukunft mit Levinas das Ergebnis der Begegnung mit dem anderen, dann gerät die Selbstverständlichkeit des modernen Subjekts ins Wanken. 

    Es kann seine Freiheit, die sich in seiner Zukunftsfähigkeit äußert, nicht mehr aus sich selbst heraus begründen, sondern es entdeckt im Kern seiner eigenen Subjektivität eine Verwiesenheit auf den anderen als Bedingung seiner eigenen Existenz.

    Es gibt zwei mögliche Ausprägungen dieses Verhältnisses zum anderen Menschen: eine auf mich und meinen Nutzen orientierte Beziehung und eine Beziehung der Verantwortung für den anderen. Levinas schlägt ein Gedankenexperiment vor: Wenn es nur den anderen und mich gäbe, und wir kämen in eine Situation, in der nur einer überleben könnte und das Überleben des anderen läge ich meiner Hand, so käme ich aus der Situation nicht lebendig und unschuldig zugleich heraus.

    Es gibt einen Unterschied zwischen einer ökonomischen Beziehung, die sich in der Optimierung meines Nutzens erfüllt und in der ich alleine bleibe, und einem ethischen Verhältnis, in dem die bloße Existenz des anderen mir sagt: Töte mich nicht.

    Ich habe die Wahl zwischen der Ökonomie als Leitperspektive oder der Ethik als erster Philosophie, wie Levinas das nennt.

    Wenn ich den anderen in seiner Sterblichkeit nicht alleine lassen will, dann wird die Verantwortung für den anderen zur Bedingung meiner Existenz. Verantwortung ist die Bedingung dafür, dass es Gesellschaft geben kann. Aus dieser Veratwortung erwächst meinem Leben eine Bedeutung über meine eigenen Existenz hinaus, und daraus erwächst mir und uns eine Zukunft. Meine Existenz rechtfertigt sich nicht aus meinen Plänen, sondern aus meiner Verantwortung für den anderen. In dieser Verantwortung bin ich unersetzlich.

    Im Alltag gibt es diese Zweier-Situation nicht. Wir haben viele Verantwortlichkeiten. Wir müssen abwägen und rechnen. Das ist der Platz der Ökonomie. Aber abgeleitet aus einer Grundsituation, in der es nicht um meinen Nutzen geht.

    Ausgerechnet in der Finanzindustrie und bei McKinsey gibt es ein Motto, das diese Haltung in die Geschäftswelt zu übersetzen scheint. Es lautet: »Client first, firm second, me third.« – Das haben die Berater nicht erfunden. Auch die Navy Seals kennen die Losung »Mission first, Team second, me third.« Daraus spricht die tiefe Erfahrung, dass es in diesem Leben nicht zuerst um mich geht.

    Was bedeutet das nun für die Zukunft? 

    Verantwortung für den anderen, das ist Verantwortung für die Zukunft. Darauf verzichten, der Zeitgenosse seines Erfolges zu sein. So formulierte Levinas einmal und verwies auf den Propheten Mose, der – obwohl er wusste, dass er selbst wegen des Glaubensabfalls der Israeliten nicht ins verheißene Land einziehen würde – dennoch das Volk auf seinem Weg durch die Wüste anführte. Er starb, und das Volk durfte das Land besiedeln.

    Wenn mir die Zukunft vom anderen her zukommt, dann kann ein Arbeiten für die Zukunft nur in einer Verantwortung für den anderen geschehen, die darauf verzichtet, heute für mich einen Nutzen zu suchen.

    Dieses Denken und diese Haltung widersprechen aller ökonomischen Logik, die wir so kennen, individuell und institutionell: Wenn der Einzelne nach Zukunft fragt, fragt er nach seinen Karrierechancen. Wenn Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft nach Zukunft fragen, dann fragen sie nach Wirksamkeit. – Es könnte sein, dass just dieses Denken am wirksamsten die Zukunft verhindert. 

    Erlauben Sie mir eine persönliche Bemerkung als Vater von drei Kindern: Wie gering muss eine Gesellschaft von sich denken, dass man meint, sie von der Bildung ihrer Kinder mit dem Argument überzeugen zu müssen, das würde sich rentieren?

    »Hier, sieh mich!« – Vom Hören und Dienen

    Wenn wir vom Menschen nicht gering, sondern groß denken wollen, dann hilft uns das Erbe der religiösen Traditionen. Der Martinsempfang erinnert an jenen Heiligen, von dem die Legende erzählt, er habe seinen Mantel mit dem Schwert geteilt, um einen nackten Bettler zu kleiden. Im Traum sei ihm anschließend der Herr erschienen, bekleidet mit der Hälfte des Mantels. 

    Das spielt auf die Bergpredigt an, in der Jesus über die Endzeit und den Grund für die Erlösung der Gerechten spricht: 

    »Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen.« (Mt 25, 35f)

    Die Gerechten wundern sich und fragen zurück, wann sie denn jemals den Herrn hungrig oder durstig oder nackt gesehen hätten und ihm zu Hilfe gekommen seien. Da antwortet Jesus: 

    »Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.« (Mt 25,40)

    Im Buch Levitikus lesen wir: 

    »Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott.« (Lev 19,34)

    Die religiösen Traditionen des Christentums, des Judentums und auch des Islams, die sich alle aus der jüdischen Überlieferung, wie sie sich in der hebräischen Bibel und auch im Talmud niedergeschlagen hat, speisen, kennen nicht nur diesen Vorrang der Benachteiligten, er ist der Kern ihrer Botschaft. Doch nicht nur ihrer Botschaft.

    Das ist der Urspung des kategorischen Imperativs. – Der Kern der menschlichen Existenz ist die Berufung für den Dienst am anderen, die Berufung für die Zukunft.

    Dafür muss man nicht glauben. Also nicht im klassischen Sinne. – Man müsste dafür aber hören und bereit sein zu antworten, was vielleicht schon glauben heißt.

    Das wiederum könnte man von jenen lernen, von denen die religiösen Traditionen sprechen. In der hebräischen Bibel ist die klassische Antwort der Propheten auf den Ruf Gottes das Wort Hinneni. – »Hier bin ich« oder auch »Hier, sieh mich«.

    Darin finden wir das Ich nicht wie in der Tradition der Moderne in einer Position der Stärke und Freiheit, sondern im Akkusativ. Es ist das zweite i in Hinneni, der letzte Buchstabe im Wort, das hebräische Jota, der kleinste Buchstabe des hebräischen Alphabets. Das Ich kommt zu sich, wenn der andere es ruft. Es kommt zu sich im Bewusstsein, antworten zu müssen. Und dieser Ruf des anderen eröffnet Zukunft. – Ob der andere Gott ist oder ein nackter Bettler, wer weiß das schon…


    [1] Vgl.: Gesundheitsberichterstattung des Robert-Koch-Instituts für 2023.

    [2] Zitiert nach Martin Heidegger. Sein und Zeit, §42, S. 198.

    [3] Heidegger. Sein und Zeit §41, S. 192.

    [4] Heidegger. Sein und Zeit, §40, S. 188.

    [5] Becker, The Economic Way of Looking at Life, Nobel Lecture.

    [6] Luhmann, Niklas. Die Wirtschaft der Gesellschaft. 8. Auflage. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1152. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2019, 240f.

    [7] Emmanuel Levinas, Die Zeit und der Andere, 43.

  • Jenseits des Nutzens

    Jenseits des Nutzens

    »Guten Abend«

    Die Grenzen der ökonomischen Vernunft

    Anders denken

    »Nach Ihnen«


    [1] https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/frankfurt/freundlichkeit-im-alltag-warum-nettsein-das-leben-besser-macht-accg-110735826.html

    [2] Luhmann, Niklas. Die Wirtschaft der Gesellschaft. 8. Auflage. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1152. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2019, 240f.

    [3] Adorno, Theodor W., und Max Horkheimer. Dialektik der Aufklärung: philosophische Fragmente. S.Fischer, 2002, 31.

    [4] Kant, Kritik der reinen Vernunft A806/B834

    [5] Kant, Kritik der praktischen Vernunft, I.I.1, §§3-8

  • Schwächeln ist menschlich

    Schwächeln ist menschlich

    Schwächeln ist menschlich

    Seit die Maschine mit uns spricht, ist das Thema der künstlichen Intelligenz wieder groß in Mode. Manche erwarten gar die Ablösung des Menschen durch eine Super-Intelligenz. Die Ideen sind alles andere als neu. Sie setzen darauf, dass wir vergessen, dass sich menschliches Leben und Zusammenleben nicht in Denken und Reden erschöpft.

    Seit langem rechnen Computer schneller (und zuverlässiger) als der Mensch; genau dafür wurden sie erfunden. Das hat niemanden weiter beschäftigt: Zu kompliziert war die Bedienung mit Lochkarten und Magnetbändern, zu unhandlich waren die Großgeräte. Doch selbst als der IBM-Computer Deep Blue den damaligen Weltmeister Gary Kasparow 1996 im Schach besiegte, blieb die große Aufregung aus. Man hatte schnell verstanden, dass auch Schach nichts anderes ist als ein Optimierungsproblem in einem regelbasierten Umfeld. Deep Blue konnte in der Sekunde über 100 Millionen Stellungen analysieren und bewerten. Da kam der Weltmeister nicht mehr mit. Dass Deep Blues Nachfolger Watson 2011 sich im Spiel Jeopardy im amerikanischen Fernsehen gegen die Titelverteidiger durchsetzte, schaffte es nicht mehr auf die deutschen Titelseiten.

    Doch jetzt, wo die Maschine Geschichten erzählt und Bilder malt, für Zeitungsartikel recherchiert und diese schreibt, Unternehmensdaten analysiert und die Unternehmensplanung erledigt, ist die Aufregung groß. Zeitungen geben wöchentliche Newsletter heraus, Unternehmen entwickeln KI-Strategien, und die Bewertung der Digitalunternehmen erfährt neue Höchststände. Es herrscht Goldgräberstimmung. Doch gleichzeitig verändert sich die Arbeitswelt der kulturellen und wirtschaftlichen Elite: Plötzlich ist man selbst Gegenstand des technologischen Fortschritts, den man bislang nur beschrieben oder gemanagt hat. Die Sorge vor dieser Hochrisikotechnologie ergreift auch die intellektuelle Elite, weil sie selbst nicht mehr versteht, was geschieht. Ein Großteil der Unruhe könnte damit zu tun haben.

    Aber nicht nur. Wissen, Vernunft und Sprache sind geradezu die Definition des Menschseins. Wir sind der homo sapiens, der wissende Mensch. Wir sind das animal rationale, das vernünftige Lebewesen. Und wir sind nach einer Bestimmung, die schon älter ist als Aristoteles, das zoon logon echon, das Lebewesen, das Sprache hat. Sprache scheint der Kern dessen zu sein, was wir sind. Ohne Sprache bleiben unser Wissen und unsere Vernunft stumm. Mit der Sprache treten wir in Kontakt zur Welt und zum anderen Menschen.

    Nun hat die Maschine es dank eines unglaublich großen Datensatzes und einer noch größeren Rechenleistung geschafft, Sprache als mathematisch-statistisches Phänomen zu reformulieren und uns mit seiner Auswertung zu beeindrucken. Wir hören sie sprechen. Und uns gefällt, was wir hören, reflektiert es doch alle digitalisierten Werken der Weltliteratur und die Erkenntnisse aus wissenschaftlichen Veröffentlichungen einer ganzen Generation: „Der Weltgeist aus der Maschine“, bemühte der Spiegel den Philosophen Hegel für das Titelthema im März 2023.

    Wird die Maschine nun menschlich? Stehen wir kurz vor einer Intelligenz-Explosion? – Auch diese Frage ist alt. Schon 1965 erwartete der britische Mathematiker Irving John Good die Erfindung einer „ultra-intelligenten Maschine“, die dem Menschen in allen intellektuellen Fähigkeiten weit überlegen sei. Diese Maschine sei die letzte Erfindung, die der Mensch noch machen müsse, danach werde er nicht mehr gebraucht.

    Vor zehn Jahren beschrieb der in London lehrende schwedische Philosoph Nick Bostrom die künstliche Intelligenz als den vielversprechendsten Weg zur Entwicklung einer solchen „Superintelligenz“. Als Transhumanist, der die Verbesserung oder Ablösung des Menschen durch eine technologisch optimierte Lebensform erwartet und begrüßt, begann Bostrom gar, darüber nachzudenken, ob und inwieweit Menschen verpflichtet wären, denkende Maschinen nach menschlich-moralischen Maßstäben zu behandeln und ihnen gegebenfalls zu Diensten zu sein.

    Allein, die Debatte kommt einem manchmal so vor, als hätten die letzten einhundert Jahre philosophischer Reflexion nicht stattgefunden. Man startet beim mittlerweile über 200 Jahre alten Hegel’schen „Weltgeist“, der die Verwirklichung der Vernunft in der Weltgeschichte sein sollte, übersetzt ihn in ein logisch-mathematisches Problem und erwartet, dass die Algorithmen der Superintelligenz dasselbe eines Tages lösen werden.

    Dabei wusste schon Ludwig Wittgenstein vor über 100 Jahren, dass die menschlichen Probleme nicht annähernd gelöst sind, wenn alle wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind. Und wer den Philosophen des Existenzialismus, der kritischen Theorie, der Phänomenologie oder des Post-Strukturalismus in den vergangenen 50 Jahren nur ein bisschen zugehört hat, weiß, dass die Fragen nach der Vernunft, der Sprache und dem Menschen allesamt nicht einfach zu beantworten sind: Die menschliche Existenz erschöpft sich nicht in Intelligenz, und unser Zugang zur Welt ist mehr als Datenanalyse und -aufbereitung.

    „Leiblichkeit“ nennt die Philosophie das Phänomen, dass der Mensch nicht nur zufällig einen Körper hat, sondern dass er dieser Körper ist. Die Existenz des Menschen ergibt sich nicht aus einer Kombination von Hard- und Software, sondern drückt sich aus in einem Leib, der empfindsam ist sowie räumlich und zeitlich begrenzt.

    In unserer Empfindsamkeit begegnen uns die Welt und der andere, ohne dass wir uns ihrer erwehren könnten. „Der Mensch badet in den Elementen“, schrieb der französische Philosoph Emmanuel Levinas. Wir verstoffwechseln unsere Welt, lange bevor wir sie analysieren oder über sie sprechen. Wir haben keine Kontrolle über unser Genießen, noch weniger aber über unseren Schmerz. Im physischen Schmerz sind wir der Welt ausgesetzt und können uns von ihr nicht freimachen. Die Maschine würde einen nicht funktionierenden Sensor abschalten. Wir können das nicht. Wir altern. Kein Upgrade und kein Update möglich. Schon der simple Organersatz ist lebensgefährlich.

    Die räumliche und zeitliche Begrenztheit unserer Existenz macht sie einzig. Niemand kann mich in meinem Leib ersetzen. Und ich kann niemanden in seinem Leib ersetzen. Jeder muss für sich sterben, jeder muss die Zerbrechlichkeit seiner eigenen Existenz aushalten, bis sie nicht mehr auszuhalten ist. Die Kopie der Software auf eine andere (identische) Hardware ist nicht möglich. Unser Leib trägt die Spuren unserer Existenz.

    Dadurch erlangt die menschliche Existenz Bedeutsamkeit. In der Sorge um das Leben des anderen und im Einsatz des eigenen Lebens für ihn entsteht menschliche Gemeinschaft. Unser Leben nur einigen wenigen widmen zu können, ist kein Problem unserer begrenzten Rechenleistung, es ist die Schönheit und Tragik der menschlichen Existenz, die wir Liebe nennen. Die Maschine kann nicht lieben, weil sie nicht endlich ist, sie kann nicht leiden, weil sie keinen Leib hat, und sie kann nicht für den anderen sterben, weil sie nicht lebt. Sie mag denken und reden können; aber ob sie je verstehen wird, was lieben, leiden und sterben bedeutet? Wir verstehen es ja selbst kaum.

    Die Gefahr der künstlichen Intelligenz besteht darin, dass wir auf die Maschine in all ihrer Eloquenz und Beredsamkeit hereinfallen, dass wir uns vorgaukeln lassen, alle Fragen seien lösbar und der Mensch sei ersetzbar, nur weil die Maschine manche Funktionalitäten unseres (beruflichen) Alltags schneller und genauer erfüllt, als wir es könnten. Wo wir den Menschen in unserer alltäglichen Interaktion durch die Maschine ersetzen, berauben wir uns jenes Überschusses an Menschlichkeit, der nicht für die ökonomische Transaktion gebraucht wird und nicht in Intelligenz oder Sprache aufgeht.

    Das Büro ist nicht nur ein Ort, wo Quartalsabschlüsse, Konstruktionszeichnungen, Verträge oder Zeitungsartikel produziert werden. An den Schulen und Universitäten wird nicht nur Wissen vermittelt. Und in den Arztpraxen und Kliniken werden nicht nur Krankheiten behandelt. Überall begegnen wir Menschen in ihrer Individualität, mit all ihren Eigenheiten, ihren Stärken und Schwächen. Auch wenn Maschinen eines Tages die besseren Manager, Ingenieure, Anwälte, Journalisten, Lehrer oder Ärzte werden sollten, sie werden nicht die besseren Menschen. Sie könnten aber uns davon abhalten, es zu werden, weil die maschinelle Illusion von Perfektion uns Demut und Großzügigkeit im Umgang mit den Schwächen des anderen vergessen und verlernen lässt.

    Der Beitrag erschien unter dem Titel »Schwächeln ist menschlich« in der WirtschaftsWoche N° 34 vom 16.08.2024

  • Demokratie und Wirtschaft – es passt nicht mehr

    Demokratie und Wirtschaft – es passt nicht mehr

    Demokratie und Wirtschaft – es passt nicht mehr

    Vor fast 250 Jahren definierte Immanuel Kant die Aufklärung als den Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Der Liberalismus als philosophische, politische und ökonomische Weltanschauung berief sich seither auf jene Mündigkeit des Individuums und prägte die westlichen Gesellschaften und ihre Wirtschaftsordnungen. Doch seine Strahlkraft lässt nach. In den Demokratien werden rechte und populistische Kräfte stark; gleichzeitig öffnen die totalitären Diktaturen zwar ihre Wirtschaft, nicht aber die Gesellschaft. Die gern geglaubte Gleichung »Freie Wirtschaft = Freie Gesellschaft« erweist sich zunehmend als falsch.

    All das kommt nicht überraschend. So warnte Theodor W. Adorno schon in den 1950er Jahren davor, dass die ökonomische Ordnung auch nach dem Ende des Faschismus die Mehrheit der Menschen in Unmündigkeit halte. Es ging ihm weniger um das konkrete wirtschaftliche Wohlergehen und die fehlenden ökonomischen Mittel zur Selbstverwirklichung. Er sah vielmehr im Wirtschaftssystem einen Zwang angelegt, der der individuellen Autonomieerfahrung entgegensteht. Das gebrochene Versprechen auf Freiheit und Autonomie lasse die Menschen indifferent gegenüber der Demokratie werden und anfällig für die Versprechen des Totalitarismus.

    Dieser Zwang, so wollen wir argumentieren, kam seit Adornos Diagnose als anonymes System gesellschaftlich vollends zum Vorschein – im Beruflichen, im Privaten und in der Politik – und ist nun mit dem Durchbruch der künstlichen Intelligenz geeignet, die Demokratie strukturell zu gefährden.

    Die Berufswelt hat sich anonymisiert und bietet immer weniger soziale Heimat. Die ehemals inhabergeführten Geschäfte – Supermärkte, Drogerien, Baumärkte – sind den Filialen überregionaler Großunternehmen gewichen und haben die innenstädtische Lebenswelt der Bürger verlassen. Prozesse, Warenangebot und Arbeitskleidung sind standardisiert. Der verantwortliche Unternehmer wurde durch den nach Kennzahlen gesteuerten Filialleiter ersetzt. In den Großkonzernen sind lokale Strukturen durch funktionale ersetzt worden. Querschnittsaufgaben wurden zentralisiert, outgesourced oder offgeshored. Wer früher Kollege war, ist heute externer Dienstleister und kann morgen schon ausgetauscht werden. Und innerhalb des eigenen Unternehmens lösen agile Teams, Tele-Arbeit und Flex-Offices verbindliche Strukturen auf. Wer zur Arbeit kommt, wird ein Rädchen im Getriebe.

    Das Privatleben hat sich verkompliziert und ökonomisiert. Dank der Liberalisierung ehemals öffentlicher Dienstleistungen muss der Bürger heute mehr ökonomische Entscheidungen treffen als je zuvor. Er hat die Wahl aus hunderten von Strom-, Gas- und Telekommunikationstarifen. Die Krankenkasse muss er wählen und sich nach Möglichkeit für eines der über 6.300 zertifizierten Riester-Renten-Produkte entscheiden. Die Lage ist unüberschaubar. Häufig entdeckt er nach Vertragsabschluss, dass er eine Sonderaktion versäumt, einen Bleibe- oder Wechselbonus nicht wahrgenommen oder ein kostenfreies Zusatzangebot nicht rechtzeitig gekündigt hat. 

    Und die Politik greift ebenfalls verstärkt zu ökonomischen Instrumenten, um die Gesellschaft zu lenken: CO2-Abgabe und schadstoffausstoßabhängige LKW-Maut, Langzeitstudiengebühren und Bildungsgutscheine, Zigaretten- und Alkopopsteuer, die Liste ließe sich fortsetzen. Der Staat übt ökonomischen Druck aus, der vor allem bei der unteren Hälfte der Bevölkerung ankommt; die Wohlhabenden haben die finanziellen Mittel, um sich freizukaufen.

    Man kann die Liberalisierung ehemals öffentlicher Dienstleistungen und die zielgerichtete Besteuerung unerwünschten Verhaltens als Antwort der liberalen Demokratie auf die von Hartmut Rosa beschriebene Beschleunigung der Moderne begreifen: Wo alle Lebensvollzüge kontinuierlich schneller werden, dauert demokratische Willensbildung und Kompromissfindung zu lange. Die ökonomische Logik ist schneller, aber auch liberaler, weil sie keine Vorschriften macht, sondern die Menschen entscheiden lässt, wie und wo sie ihr Geld ausgeben.

    All diese Entwicklungen haben uns wirtschaftliche Vorteile gebracht: Längere Ladenöffnungszeiten, ein größeres Warenangebot, günstigere Produkte, weniger staatliche Verbote. Doch sie haben auch den Zwangscharakter eines anonymen Systems verstärkt. Es ist schwer, jemanden zu finden, der die Verantwortung trägt. Immer scheint es der anonyme Markt zu sein, dem wir nicht entkommen können. 1984 musste der Postminister dem Parlament noch Rede und Antwort stehen für die 6-monatigen Wartezeiten auf einen Telefonanschluss beim Fernmeldeamt Lübeck. Heute gibt es keinen Postminister mehr; und die Antwort auf die fehlenden Glasfaseranschlüsse oder die schlechte Netzabdeckung sind die ökonomischen Zwänge und „der Markt“, dem man Versagen unterstellt. Dabei zeigt er sich gerade darin effektiv, unrentable Vorhaben zu verhindern, so sehr sie politisch auch gewünscht sind.

    Dass solche Wirkmechanismen des Marktes einen Zwang darstellen können, dafür ist der Liberalismus blind. Der Markt ist ihm die Summe der freien Entscheidungen mündiger Bürger. Doch während die liberalen Gesellschaften weiterhin versuchen, die Ökonomie in ihren Dienst zu nehmen, wird in der internationalen Tech-Szene und im Silicon Valley längstüber eine andere Zukunft nachgedacht. Accelerationism nennt sich eine Denkschule, der der Mensch zu unvollkommen ist und das Institutionengeflecht des demokratisch verfassten Staats zu langsam. Der Philosoph Nick Land propagiert die Organisation der Gesellschaft in der Form von Aktiengesellschaften mit den Bürgern als Anteilseignern und strebt eine umfassend technologisierte und de-humanisierte Wirtschaft an.

    Jene ist seit dem Durchbruch der Generative Artificial Intelligence mit Händen greifbar. Die strukturellen Konsequenzen für das Verhältnis von Wirtschaft und Gesellschaft werden dabei bislang unterschätzt. So hat der deutsche Ethikrat in seiner detailreichen und differenzierten Stellungnahme zu Künstlicher Intelligenz zwar vier Felder näher untersucht – Medizin, Bildung, öffentliche Kommunikation und Meinungsbildung sowie öffentliche Verwaltung –, hebt dabei aber vor allem auf Einzelanwendungen ab. Dass Maschinen und Algorithmen einzelne Prozesse oder Prozessschritte in Unternehmen übernehmen, ist jedoch nicht neu; so findet ein Großteil des Börsenhandels schon heute automatisiert statt, und der Autopilot landet das Flugzeug ruhiger als der Mensch.

    Neu ist die Möglichkeit der restlosen Vernetzung der Einzelprozesse und der Automatisierung des gesamten Unternehmens, von Einkauf über Mitarbeiterdisposition bis zum Vertrieb. Der chinesische Konzern Netdragon Websoft hat – wenn auch vermutlich als PR-Aktion – den CEO seiner Tochtergesellschaft Fujian im August 2022 durch eine künstliche Intelligenz ersetzt. Was uns bevorsteht, ist ein eigenständiges Computerprogramm, das als Unternehmen am Wirtschaftsgeschehen teilnehmen kann. Dabei geht es nicht primär um die Reduzierung von Kosten, wie die aktuelle Diskussion um die wegfallenden Arbeitsplätze glauben lassen möchte. Der weitaus größere Hebel der künstlichen Intelligenz ist die Steigerung des Umsatzes und der Marge; kurz: wir alle sollen mehr kaufen und mehr bezahlen.

    Die ersten voll-digitalen Unternehmen werden wir daher vermutlich im Vertrieb von einfachen Verträgen sehen: Strom und Gas, Telefon und Internet, Bank- und Versicherungsdienstleistungen. Die Plattformen stehen längst, die Prozesse sind digitalisiert und laufen auf den Servern von Amazon, Google und Microsoft in der Cloud. Derzeit arbeiten noch letzte Menschen im Callcenter, in der Produktentwicklung und der Programmierung der Prozesse. Sobald der Computer zuverlässig eigenständig kommunizieren und programmieren kann, werden auch sie ersetzt. Und da der Computer über unsere verschiedenen Bedarfe hinweg ständig alle relevanten Daten präsent hat, durch Analyse seines menschlichen Gegenübers seine Verkaufsstrategie in Echtzeit anpassen kann und auch nach acht, zwölf oder 16 Stunden Einsatz nicht müde wird, wird er zum unwiderstehlichen Verkäufer und Verführer. Gilles Deleuze‘ Metapher vom Kapitalismus als Maschine wird Wirklichkeit.

    Müssen wir angesichts der neuen technischen Wirklichkeiten wirtschaftliche Freiheit neu bestimmen? – Der Liberalismus verteidigt zu Recht die Freiheit des menschlichen Unternehmers. Eine freie Gesellschaft ohne freie Berufswahl und freies Unternehmertum ist schwer vorstellbar. Der Ökonom Friedrich August von Hayek ging so weit, die ökonomische Gesellschaft als Retterin der Demokratie vor sich selbst zu feiern. Demokratie habe eine Tendenz dazu, »zwangsläufig egalitär« zu werden, schrieb er. Mit der Rechtsfiktion der „juristischen Person“ gemäß Artikel 19 des Grundgesetzes erkennen wir Unternehmen sogar Grundrechte zu und sind bereit, diese gegen die Grundrechte von Menschen abzuwägen. Doch würden wir auch einem von Maschinen gesteuerten Unternehmen Grundrechte zuerkennen, wenn es ein von Menschen gesteuertes Unternehmen ersetzte? – Mit verbundenen Augen wird Justitia den Unterschied nicht sehen.

    Aufklärung, die wie Kant meinte, „einzig Freiheit“ brauche, wird da nicht reichen. Er hielt unsere Unmündigkeit noch für selbstverschuldet durch „Faulheit und Feigheit“. Der Liberalismus ist mit dieser These weit gekommen: Wir leben heute vermutlich in der wohlhabendsten und freiesten aller Welten. Kant war zuversichtlich, dass in einer freien Gesellschaft einige wenige anfangen würden zu denken und so den Rest aufklären. Allein, sie werden es schwer haben gegen die Maschinen und ihre Verführungskunst. Der Maschine gegenüber werden wir zunehmend unmündig. Sie weiß mehr über uns als wir selbst, kennt unsere Schmerzgrenzen, wenn wir für sie arbeiten sollen, und unsere Schwachstellen, wenn sie uns etwas verkaufen will.

    Wenn Adornos These stimmt, dass die mit dem ökonomischen System verbundenen Zwangserfahrungen den Rechten Auftrieb verleihen, – und diverse aktuelle Studien zeigen entsprechende Korrelationen zwischen der Unzufriedenheit mit der Demokratie und der Ablehnung der (ökonomischen) Globalisierung sowie dem Gefühl, nicht mehr zur Gesellschaft dazuzugehören – dann müssten wir uns Gedanken machen, wie wir die Menschen wieder in die Lage versetzen, Mündigkeit zu erfahren.

    Wir müssten den individuellen Unternehmer gegenüber den anonymen Unternehmen stärken und den Menschen im Beruf wieder die Chance geben, in einem Umfeld zu arbeiten, das Autonomieerfahrungen ermöglicht.

    Wir müssten die ökonomischen Entscheidungen im Privaten, die viele Menschen nicht überblicken können und die gesamtgesellschaftlich wenig Wert stiften, zurückdrängen. Niemand braucht die Vielzahl an Anbietern und Tarifen für den Bereich der (ehemals) öffentlichen Daseinsvorsorge.

    Und wir müssten uns in der Politik wieder trauen, Entscheidungen politisch zu treffen, anstatt einen Marktmechanismus zu erfinden und dann darauf zu warten, dass die Klügsten und Schnellsten in dem neuen Markt gewinnen und die weniger Klugen und weniger Schnellen nach Subvention und Aufschub rufen.

    All das würde bedeuten, dass unser gesellschaftlicher Wohlstand langsamer wächst, weil wir die wirtschaftliche Dynamik bremsen. Das macht Verteilungsfragen virulenter als heute und mag linke Gruppierungen stärken, muss aber für die liberale Gesellschaft nicht schädlich sein, waren es doch vor allem Arbeiterbewegungen und politisch Linke, die in Spanien und Griechenland in den 1970ern und auch in Osteuropa Ende der 1980er Jahre zum Sturz totalitärer Regime beitrugen. Die Wirtschaft hingegen wird uns im Zweifelsfall nicht gegen den Totalitarismus zu Hilfe eilen, sie lebt damit in anderen Teilen der Welt recht gut und ist auch in Deutschland in der Vergangenheit nicht als große Widerstandskämpferin aufgefallen.

  • So gut müssen Firmen gar nicht sein

    So gut müssen Firmen gar nicht sein

    So gut müssen Firmen gar nicht sein

    Unternehmen haben sich eine Pflicht zur Weltrettung auf die Fahnen geschrieben. Das kann nur schiefgehen. Die Firmen brauchen einen anderen Zweck.

    Es ist stets ratsam, misstrauisch zu sein, wenn irgendwo eine Kehre ausgerufen wird. Häufig geben diese Kehren nur vor, Kehren zu sein. Erst recht, wenn es sich um eine Rückkehr handelt.

    So eine Kehre wird derzeit rund um die „Purpose“-Bewegung diskutiert. Diese Bewegung konnte über mehrere Jahre hinweg den wirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Diskurs in den Unternehmen dominieren, die Ausrichtung des Unternehmens auf einen Zweck (englisch: purpose) – idealerweise auf einen, wie auch immer gearteten, guten. Jetzt scheint es so, als sei die Geschäftswelt dessen überdrüssig geworden und wende sich wieder dem guten, alten (ehrlichen?) Geldverdienen zu.

    Die These lautet: Die Ausrichtung auf einen Zweck ist am Ende. Trifft das zu? Oder haben wir uns vielleicht schon mit der ersten Kehre getäuscht?

    An beiden ausgerufenen Kehren war der Finanzunternehmer Larry Fink beteiligt. Jetzt betont er, dass er Geld verdienen möchte. Vor drei Jahren ging es in der allgemeinen Wahrnehmung hin zum Purpose, als Fink ein inzwischen berühmt gewordenes Dokument unterzeichnete, in dem sich Dutzende von Unternehmenslenker davon abwandten, ausschließlich ihren eigenen Aktionären zu dienen. Wenige Monate später allerdings schrieb er einen nicht minder berühmten Brief an die Manager der Beteiligungen seiner Fondsgesellschaft Blackrock. Auch darin verpflichtet er die Manager jener Unternehmen auf den Purpose. Es lohnt sich, jenen zweiten Brief genauer zu lesen. Darin steht ein trotz Fettdruck erstaunlicherweise vielfach unbeachtet gebliebener Satz: „Am Ende ist Purpose der Motor für langfristige Profitabilität.“

    Nimmt man diesen Satz von Fink ernst, so war der Zweck immer schon Mittel zum Zweck. Um zu verstehen, warum die „Purpose“-Bewegung trotzdem über mehrere Jahre den wirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Diskurs dominieren konnte, lohnt es sich, ein wenig philosophische Archäologie zu betreiben.

    Der „Purpose“-Gedanke fiel nämlich auf sehr fruchtbaren philosophischen Boden und wurde absichtlich (englisch: on purpose) zweckentfremdet. Schon für Aristoteles war der „Purpose“ einer der Gründe, weshalb Dinge existieren. In seinem großen Werk der „Physik“ präsentiert er vier Ursachen der Dinge: die causa materialis, die causa formalis, die causa efficiens und die causa finalis. Jedes Ding besteht demnach, weil es eine bestimmte Materie hat (zum Beispiel Metall), eine bestimmte Form (zum Beispiel ein Schlüssel), außerdem jemanden oder etwas, der oder das es in diese Form gebracht hat (der Schlosser), und einen Zweck (das Öffnen der Tür). Dieser Zweck – also der „Purpose“ – antwortet auf die Frage: Wozu ist es gut? Wozu nützt es?

    Die mittelalterliche Scholastik versuchte zu zeigen, dass dem Zweck unter den vier Ursachen der Existenz eine herausgehobene Rolle zukomme. Ohne die Notwendigkeit, die Tür auf- und abschließen zu können, gäbe es weder Schlüssel noch Schloss und am Ende auch keinen Schlosser. Dass alles, auch der Mensch, seinen Zweck hat, garantierte die menschliche Würde und die göttliche Schöpfungsordnung. Es machte die Welt berechenbar und stabil.

    Doch mit dem Ende der geordneten und Gott geweihten Welt ging auch der „Purpose“ verloren. Im Zuge der Aufklärung wurde er sogar aktiv geschliffen: Die philosophische Debatte des 17. Jahrhunderts (Hobbes, Descartes, Spinoza) griff die „causa finalis“ nicht mehr auf. Und Charles Darwin riss mit seiner auf Zufall und Auswahl basierenden Evolutionstheorie die Vorstellung völlig ein, dass sich irgendetwas in dieser Welt einem Zweck verdanke. Die Naturwissenschaften beschreiben Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge. Die Frage nach einem Zweck ist ihnen suspekt.

    Auch moderne Ansätze in Philosophie und Soziologie wie der (Post-)Strukturalismus und die Systemtheorie kommen ohne ihn aus. Das berühmte Diktum des Ökonomen Milton Friedman „The business of business is business“ vollzieht daher mit seiner Tautologie diesen Trend für die Welt der Wirtschaft nur noch nach. Der Soziologe Niklas Luhmann formulierte es später abstrakter: Die Wirtschaft ist ein System von Zahlungen, das sich selbst erhält. Der einzige Zweck ist die Erhaltung von Zahlungsfähigkeit.

    Nun sind wir aber im Alltäglichen ständig mit Zwecken jeder Art konfrontiert. Der Herd ist zum Kochen da, das Auto zum Fahren, und das Telefon war mal zum Telefonieren da. Wir erleben, dass die Dinge um uns herum zu etwas gut sind. Und in unserer Leistungsgesellschaft leiten wir unser Selbstwertgefühl davon ab, dass wir zu etwas nutze sind. Was nicht (mehr) zu gebrauchen ist, wird entsorgt. Wer nicht zu gebrauchen ist, findet keine Stelle. Zwecke, wo man hinschaut. Nur hatte sie bislang noch niemand „Purpose“ genannt, sondern eher „Nachfrage“.

    Larry Finks Mahnung ließe sich ganz simpel lesen: Ein Unternehmen, das zu nichts nutze ist, das keine gesellschaftliche Nachfrage bedient, verliert seine Daseinsberechtigung und damit die Möglichkeit, Geld zu verdienen. Ohne einen Unternehmenszweck, den man bei der Anmeldung eines Unternehmens in Deutschland sogar angeben muss, keine Aussicht auf Profit oder Wertsteigerung.

    Man hätte sich in den Unternehmen einfach hinsetzen und den eigenen Unternehmenszweck noch mal überdenken können. Ein Geschäftsmodell, das auf der Produktion von krebserregenden Giftstoffen beruht, ist offensichtlich wenig zukunftsfähig, da solche Produkte nach und nach verboten werden. Ein Geschäftsmodell, das auf erneuerbare Energien oder Impfstoffe gegen Pandemien setzt, sieht sich umgekehrt von vielen Trends technologisch, politisch und gesellschaftlich getragen.

    Doch der Ball wurde in den Firmen nicht von den Strategieabteilungen, sondern von den Marketing- und Branding-Abteilungen aufgefangen. Sie sahen die Chance, in eine Leerstelle der modernen Gesellschaft vorzustoßen. Die Wirtschaft sollte auch die Sinnsuche und Sinngebung übernehmen. Man überhöhte den „Purpose“ zu einem „Noble Purpose“, einem edlen Zweck. Das kam nicht ganz unvorbereitet. Schon 2013 war ein Buch mit dem Titel „Selling with Noble Purpose“ erschienen. Die Autorin behauptet, die Motivation, anderen etwas Gutes zu tun, liefere bessere Verkaufsergebnisse als monetäre Erfolgsprämien. Auch in Führungskräfteseminaren hat der „Purpose“-Gedanke längst Eingang gefunden. Mit Populärpsychologie und religiösem Synkretismus produzieren sie kleine Erweckungserlebnisse für die Manager-Elite, die mit guten Vorsätzen nach Hause kommt, bis die nächste Kennzahlenbesprechung sie auf den Boden der ökonomischen Wirklichkeit zurückholt.

    Kein Wunder, dass der „Purpose“-Gedanke auch bei Kritikern des Kapitalismus auf fruchtbaren Boden fiel. Selbst wenn keine Gewinne zum Verteilen da sind, „Purpose“ gibt es immer mehr als genug. Und man war großzügig.

    So großzügig, dass die inneren Widersprüche des Konzepts zunächst nicht auffielen. Doch man muss nicht Luhmann gelesen haben, um zu verstehen: Jeder Anspruch auf einen Sinn ist mit der kon­stanten Herausforderung des Unsinns – oder besser des Nichtsinns – konfrontiert. Das System, das den Sinn behaupten und verteidigen muss, ist dabei umso stabiler, je flexibler der Sinnbegriff verwendet werden kann.

    Umgekehrt ausgedrückt: Je umfassender und letztgültiger der „Purpose“-Begriff interpretiert wird, desto schwieriger wird es, das System stabil zu halten, das man darauf baut. Schon die Kirche hatte Schwierigkeiten, die Widersprüche des letztgültigen Sinnbegriffs auszuhalten. Wenn Gott vollkommen ist und es ihm an nichts fehlt, warum schuf er dann die Welt? Wenn Gott das Gute will, was ist dann der Zweck des Bösen in der Welt? Wenn Gott barmherzig ist, warum gibt es dann die Hölle? Auf diese Fragen antwortet die Kirche nicht mit theoretischen Sätzen, sondern mit ihrem Bekenntnis, ihrer Praxis und ihrem Kult. Ich muss die Frage nach Gott theoretisch nicht gelöst haben. Ich kann im Heute Gutes tun und um Erlösung in der Zukunft beten.

    Die moderne Ökonomie hat sich nach Luhmann vor allem durch ihre Zugänglichkeit für jeden und ihr Wachstumsversprechen stabilisiert. Jeder kann von jedem alles kaufen. Und Geld kann zwischen allen Zahlungen vermitteln. Es kennt keine gesellschaftliche Hierarchie, keine Geschichte und keine Zukunft. Diese radikale Agnostik öffnete das System für jeden und machte es maximal flexibel.

    „Pecunia non olet“, „Geld stinkt nicht“, soll der römische Kaiser Vespasian erklärt haben, um die Toilettensteuer hoffähig zu machen. Wenn nun aber zusätzlich zu Geldzahlungen in der Wirtschaft ein zweiter Code eingeführt wird, so reduziert das die Flexibilität des Systems. Geld bekommt auf einmal einen Geruch. Geschäfte bekommen ein „Geschmäckle“. Neue Begrenzungen tauchen auf, die Kommunikationsfähigkeit zwischen den Akteuren leidet. Das reduziert die Möglichkeit des Austauschs, das System wird instabiler und weniger profitabel.

    Der langfristige Motor von Profitabilität, wie von Larry Fink gefordert, kann „Purpose“ hingegen nur dann sein, wenn er sich in einem Höchstmaß an die Erwartungen der Konsumenten anpassen kann. „Purpose“ muss dann im Plural definiert werden – und ist alles, wofür es eine Nachfrage gibt. Damit wird er aber austauschbar mit dem Code des Geldes. Wofür es eine Zahlungsbereitschaft gibt, das ist gut für jemanden, das hat also einen Zweck, einen Purpose.

    Der „Noble Purpose“ weckt jedoch andere Erwartungen. Es geht um die Rettung der Welt vor der Klimakatastrophe, um die Gleichberechtigung der Geschlechter, der Herkünfte und der sexuellen Orientierungen, um den Sieg über den Hunger, die Kindersterblichkeit und die großen Zivilisationskrankheiten, um die Herausführung der Menschen aus der Armut und die Demokratisierung diktatorischer Gesellschaften.

    Diese Erwartungen sind an und für sich schon schwer auf einen Nenner zu bringen. Sie bringen Priorisierungspro­bleme ersten Ranges mit sich, weil sie alle stark werteorientiert sind. Noch viel mehr gilt das für die Ideologie, dass all jene Ziele auch noch mit der Profitmaximierung in Deckung zu bringen seien.

    Das war der Traum, den Teile der Wirtschaft uns in den vergangenen Jahren haben träumen lassen. Und über Jahre anscheinend anlasslos steigende Börsenkurse haben die Wiege dazu geschaukelt.

    Angesichts der Rückkehr harter ökonomischer Probleme wie der Stabilität von Lieferketten, der Versorgung mit Energie oder der Inflation von Gehältern und Materialpreisen sind die Wirtschaftslenker aus ihren Träumen aufgewacht. Wo die Ergebnisse des nächsten Quartals unsicher sind, dient die Fokussierung auf den nackten Profit zuvorderst der Selbststabilisierung des Systems.

    Genau das hat die Ökonomie in den vergangenen 200 Jahren so erfolgreich gemacht. Der Moralphilosoph Adam Smith, Kronzeuge des Kapitalismus, hatte der Politik schon im 18. Jahrhundert geraten, nicht auf das Wohlwollen des Bäckers zu setzen, um unsere Ernährung zu gewährleisten, sondern auf sein Eigeninteresse, mit unserem Hunger ein Geschäft zu machen. Dieser geniale Schachzug lagerte die Rettung der Welt an die „unsichtbare Hand“ aus. Er belästigte die Akteure nicht mit komplexen Überlegungen zu einem „Noble Purpose“.

    Für die meisten Unternehmen würde es schon reichen, einfach ihren direkten Unternehmenszweck gut zu erfüllen und damit Geld zu verdienen. Die Sinnsuche könnten sie getrost anderen überlassen, die hierin mehr Kompetenz haben. Und jedem stünde weiterhin frei, sein Geld auch für die Weltrettung auszugeben. Geld stinkt nämlich nicht.

  • Sollen und Haben

    Sollen und Haben

    Platzhalter – Titelbild einsetzen

    Sollen und Haben

    Nicht erst seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine steht die Moral auch in der Wirtschaft wieder hoch im Kurs. Das World Economic Forum hat Kennzahlen für ethisches Wohlverhalten entwickelt, und Unternehmen versuchen, sie zu implementieren. Doch brauchen wir nicht radikalere Ansätze?

    Der deutsche Soziologe Niklas Luhmann hat der Wirtschaftsethik unterstellt, „dass sie zu der Sorte von Erscheinungen gehört wie auch die Staatsräson oder die englische Küche, die in der Form eines Geheimnisses auftreten, weil sie geheim halten müssen, dass sie gar nicht existieren“.

    Zahlreiche Lehrbücher der Wirtschaftsethik versuchen, diesem Verdikt zu trotzen, und auch die Unternehmen selbst sind wieder einmal zum Beweis des Gegenteils angetreten. Sie wollen sich neben ökonomischen auch an sozialen und ökologischen Zielen messen lassen. ESG ist die neue Zauberformel: Environmental, Social, Governance.

    Die Ziele sind vielleicht neu. Die Methode ist es nicht. So wie Unternehmen und Gesellschaften in den vergangenen hundert Jahren durch Benchmarks auf Effizienz, Wachstum und Wohl- stand getrimmt wurden, so organisieren wir nun einen Markt für ethisches Wohlverhalten, auf dem sich im freien Wettbewerb die Besten durchsetzen sollen. Als wolle man den Teufel mit dem Beelzebub austreiben, hat das World Economic Forum (WEF) gemäß der alten Managementweisheit „What is not measured cannot be improved“ 21 Kernkennzahlen (und 34 ergänzende) erarbeitet.

    Doch lässt sich ethisches Verhalten mit den Methoden der Wirtschaft erreichen oder gar erzwingen? Zweifel sind angebracht. Erstens teilen die erweiterten Kennzahlensysteme die Schwächen der bisherigen: Sie bilden die Wirklichkeit nur ver- kürzt und partiell ab und führen zu ungewollten Fehlanreizen. Früher hat mancher Vorstand zur Optimierung des Cashflows das Tafelsilber der Firma verkauft – heute ließe sich zum Beispiel die soziale Kennzahl, die den Lohnunterschied zwischen CEO und Mitarbeitern definiert, durch ein Outsourcing von Kantine oder Fuhrpark leicht korrigieren. Gesellschaftlich wäre nichts gewonnen. Aber der ESG-Bericht wäre gerettet!

    Zweitens sind die Wirkzusammenhänge bei den ESG-Kennzahlen uneindeutiger als bei den ökonomischen. Wenn die Kosten stärker steigen als der Umsatz, sinkt der Gewinn, das ist bei allen Unternehmen gleich. Doch wie verhalten sich etwa der Wasserverbrauch und die CO2-Bilanz zueinander? Einerseits erhöht die Frischwasserkühlung die Effizienz eines Kohlekraft- werks und senkt die spezifischen CO2-Emissionen. Anderer- seits verbraucht sie mehr Wasser als andere Optionen und er- wärmt zudem die Flusstemperatur. Was tun?

    Drittens sind die Zielgrößen der ESG-Kennzahlen nicht markttransparent. Der Gewinn eines Unternehmens lässt sich analytisch aus den (an den Aktien- und Anleihemärkten gehan- delten) Kapitalkosten eines Unternehmens ableiten und in Ziel- kosten sowie Zielwachstum umlegen. Aber welches Lohngefälle zwischen welchen Beschäftigten herrscht, welche Art von Diversität und welcher Anteil welcher Gruppe in welchen Gremien gut ist oder welche Fortbildungen sinnvoll sind – all das lässt sich nicht analytisch aus einer Marktkennzahl ermitteln. Schon die Auswahl der ESG-Kennzahlen durch das WEF war das Ergebnis eines komplexen Stakeholderprozesses. Die Ziele werden im Einzelfall mühsam ausgehandelt werden müssen.

    Die Wirtschaft ist auf ein solch umfassendes System noch nicht vorbereitet. Die Finanzabteilungen der Unternehmen sind um ein Vielfaches größer als die für ESG bereitgestellten Teams. Auch die nötigen Kompetenzen werden noch nicht im Studium gelehrt. Die Orientierungslosigkeit ist mit Händen greifbar. Ver- mutlich hat auch deswegen der „Economist“ kürzlich auf dem Titelblatt gefordert, ESG radikal zu vereinfachen und nur noch den CO2-Ausstoß zu messen. Dabei ist die von Luhmann diag- nostizierte Herausforderung im Kern noch gar nicht verstanden: Die Ethik ist kein Anhängsel der Wirtschaft. Sie unterscheidet sich von der Ökonomie in Ziel und Methode. Daher kommen wir mit einem Kennzahlensystem allein nicht weiter.

    Das Ziel der Ökonomie ist die Optimierung meines Nutzens: Ich habe Priorität vor den anderen. Der ethische Blick auf die Welt setzt hingegen mich an die zweite Stelle. Es war der französische Philosoph Emmanuel Levinas, der die individuali- sierte Selbstorientierung des westlichen Denkens radikal hinterfragte: Descartes ging es um Selbstbegründung, Spinoza um Selbstbehauptung, den modernen Wissenschaften (nicht nur der Ökonomie) geht es um Selbstoptimierung. Der andere Mensch, das Gegenüber, kommt in diesem Denken nur nachgeordnet, als Instrument, als Mittel zum Zweck vor. Er ist ein (austauschbarer) Bandarbeiter oder Verkäufer oder CEO. Es geht nie um ihn, immer um seine Funktion in einem System, das meiner Optimierung dient.

    Angesichts der Katastrophen des 20. Jahrhunderts, die die Philosophie der Selbstoptimierung nicht verhindern konnte, schlug Levinas einen anderen Zugang zur Welt vor. Die Kern- frage menschlicher Existenz ist für ihn nicht: „Warum existiert überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“, so wie sie von Aristoteles bis Leibniz gestellt wurde. Auch nicht die große Frage der Aufklärung, worauf ich meine Erkenntnis gründen könne. Stattdessen sei die erste Frage, die ich mir stellen müsse: „Woher nehme ich das Recht, meinem Nächsten den Platz wegzunehmen – die Nahrung, das Wasser, die Luft zum Atmen?“

    Levinas führt die Überlegung aus: Wenn es nur mich und den anderen gäbe und ich nicht schuldig werden wolle an seinem Tod, müsste ich im Extremfall mein Leben für das seine geben: Es gebe keine Rechtfertigung für mein Überleben für den Preis seines Todes. Das ist die ethische Perspektive auf die Welt, die ohne die unsichtbare Hand auskommt und die mich radikal in die Verantwortung nimmt. Dieser Blick auf die Welt ist für Levinas prioritär gegenüber allen anderen Sichtweisen. Die Ethik ist für ihn die erste Philosophie.

    Doch mit der Umkehrung der Zieldefinition fangen die ethischen Probleme erst an: Es gibt ja viele Nächste. Wie wäge ich zwischen ihnen ab? In welcher Verantwortung stehe ich wem genau gegenüber? Wer braucht mich mehr? Welche Kompromisse muss ich zu wessen Gunsten schließen?

    Mit welcher Methodik bekommen wir diese Fragen in den Griff ? Wenn die Intensivstation fast voll ist, welche Patienten werden dann noch aufgenommen? Beende ich die Behandlung von manchen Patienten, um Platz für andere zu schaffen? Wen soll der Algorithmus des autonom fahrenden Autos bei einem Unfall opfern? Den Fahrer oder die Passanten? Und welche Passanten? An welcher Krankheit forschen wir mit welchen Mitteln? Alzheimer oder Malaria?

    Bislang haben Unternehmen solche Fragen anhand ökono- mischer Interessen beantwortet. Seit 1995 wurden von privaten Geldgebern jährlich durchschnittlich rund 1,5 Milliarden Dollar in klinische Tests für Alzheimer-Demenz-Medikamente inves- tiert; die jährlichen Investitionen der Industrie in Forschung und Entwicklung zur Bekämpfung von Malaria beliefen sich in den vergangenen 15 Jahren auf ein Zehntel der Summe.

    Wir haben es uns angewöhnt, uns selbst aus der philosophischen Weltbeschreibung im Sinne der ökonomischen Optimierungsgleichung herauszukürzen: Sie wurde allgemeingültig und ließ uns ruhig schlafen. Unser Zugang zur ökonomischen Welt beschränkt sich auf die Darstellung und Analyse von neutralen Sachverhalten. Doch das wird bei ethi- schen Fragestellungen nicht ausreichen. Die Entscheidung über das Leben eines anderen Menschen ist eine Entschei- dung, die ich nicht delegieren kann – weder an den Markt noch an einen Algorithmus. Solche Entscheidungen erfordern ein konkretes Subjekt, das individuell Verantwortung über- nimmt.

    Die ESG-Kennzahlen können uns das ins Bewusstsein ru- fen. Aber für Entscheidungen, die uns und unsere Gesellschaft ethisch tragen, braucht es mehr: Wir müssten unsere Werte verstehen und die Werte unserer Umwelt. Wir müssten Kompetenzen entwickeln, diese Werte mit den Herausforderungen unserer Zeit ins Gespräch zu bringen. Wir müssten in der Auseinandersetzung mit anderen zu einem Urteil gelangen und für es einstehen. Wir müssten den ethischen Blick einüben und gegen die verengte ökonomische Rationalität verteidigen. Dann gelängen uns vielleicht Entscheidungen, für die wir auch mor- gen noch einstehen können.

    Das wird nicht leicht: Die großen Fragen sind unentscheidbar und müssen doch entschieden werden – Aporie der Verantwortung. Für Levinas ist jedoch genau diese Verantwortung der Kern meiner Existenz: Bürde und Würde des Menschseins zugleich.

    Erstveröffentlichung: WirtschaftsWoche 41, 7.10.2022