Wenn die Zukunft alt wird
Warum wir das Verhältnis zwischen den Generationen neu denken müssen
Vortrag auf dem Symposion Weniger – älter – vielfältiger. Chancen und Herausforderungen für unsere Gesellschaft des Karlsruher Forums für Kultur, Recht und Technik e. V.
Karlsruhe, 14.10.2026

»Ihr sollt es einmal besser haben«
An diesen Satz meiner Großeltern kann ich mich gut erinnern. Sie haben ihn oft zu uns gesagt, zu meinen beiden Brüdern und zu mir.
Meine Großeltern waren keine Philosophen, sie waren einfache Leute. Aber dieser Satz hatte eine philosophische Tiefe. Er deklinierte sich auf drei Ebenen:
- Nie wieder Krieg. Denn: »Der Frieden ist nicht alles, aber alles ist ohne den Frieden nichts.« – Ich weiß nicht, ob meine Großmutter bewusst Willy Brandt zitiert hat, aber von ihr habe ich diesen Satz oft gehört. Meine Großeltern haben nicht viel vom Krieg erzählt. Und noch weniger von den Verbrechen, gegen die sie und ihre Eltern sich viel zu wenig gewehrt haben. Sie waren 13, als Hitler die Macht übernahm. – Aber wenn sie erzählt haben, sah man ihnen den Schock an. Und es war klar: Alles ist besser als Krieg.
- Bildung und Weltoffenheit. Sie haben unseren Eltern den Rücken frei gehalten und sich um uns Kinder gekümmert, damit meine Mutter arbeiten konnte und wir das Abitur machen konnten. Und sie haben uns ihre Welt gezeigt, waren mit uns in Paris und in London. Sie selbst sind sogar nach Moskau gefahren. Mitten im Kalten Krieg.
- Bescheidenen Wohlstand weitergeben. Es ging nicht um ihren Wohlstand, es ging um den Aufbau unseres Wohlstands. Sie haben einen Teil ihrer Rente, die nicht groß war, für uns Kinder gespart: für den Führerschein und für das Studium. – »Man nimmt einmal nichts mit«, sagte mir meine Großmutter ab und zu, wenn sie mir wieder einmal einen Zwanzig-Mark-Schein für das Wochenende mit Freunden zusteckte.
»Ihr sollt es einmal besser haben!« – Die Zukunft, das war das Versprechen an uns und der Einsatz für uns Kinder.
Der Satz »Früher war es besser« kam ihnen nicht über die Lippen. Denn der Bruder war im Krieg gefallen, der eine Schwager schwer verwundet worden, und der andere Schwager war nach dem Krieg aus seiner Heimat vertrieben worden.
Die Vergangenheit war keine Konkurrenz für die Zukunft. Die Vergangenheit war das Alte, die Zukunft das Neue, das mit der jungen Generation anbrach.
»Früher war es besser«
»Früher war es besser«, dieser Satz ist vermutlich so alt wie die Menschheit. Es ist ein Satz der Älteren, denn die Jüngeren kennen dieses Früher nicht, von dem da die Rede ist und das besser gewesen sein soll als das Heute. »Selbst die Zukunft ist nicht mehr das, was sie einmal war.« Dieser Satz wird in Deutschland Karl Valentin zugeschrieben, in Frankreich Paul Valéry. Vermutlich ist er auch älter.
Früher war es besser – das ist eine Haltung, die laut einer Umfrage von Infratest dimap vom Februar 2026 52 Prozent der Deutschen teilen. Der Referenzpunkt waren die 1980er Jahre. Bei den Anhängern der AfD sind es 68 Prozent, bei der Union 55, bei der SPD 47, bei Linken und Grünen etwa ein Drittel. – Das wundert erst einmal nicht, Konservative haben ein positiveres Bild von der Vergangenheit.
Ein Vergleich der Altersgruppen zeigt einen klaren Generationsunterschied: Bei den Befragten ab 50 Jahren bewerten mehr als 60 Prozent die Bundesrepublik der 1980er als besser. Bei den unter 50-Jährigen, die diese Zeit überwiegend nicht selbst aktiv erlebt haben, fällt die Zustimmung zwar geringer aus, aber immer noch erstaunlich hoch: In der Altersgruppe der 35- bis 49-Jährigen sind es 44 Prozent, bei den 18- bis 34-Jährigen immerhin noch 33 Prozent. Jeder Dritte also, der diese Zeit gar nicht erlebt hat.
Aber das blendet ganz vieles aus: Es war nicht besser!
Es war früher nicht besser: Geopolitisch nicht. Wirtschaftlich nicht. Und gesellschaftlich erst recht nicht.
Geopolitisch: Fangen wir damit an, dass fast 17 Millionen Deutsche in einer Diktatur mit Schießbefehl an der Grenze leben mussten. Der Kalte Krieg, die Nachrüstung, Pershing-Raketen auf deutschem Boden, Hunderttausende im Bonner Hofgarten, weil sie Angst vor einem Atomkrieg in Europa hatten. Die Sowjetunion hatte Afghanistan überfallen, der Krieg zwischen Iran und Irak tobte. Die erste Intifada brach aus. Die IRA mordete in Nordirland und die ETA in Spanien.
Wirtschaftlich hatten wir im Zuge der Ölkrise Inflationsraten von im Schnitt 5 Prozent zwischen 1970 und 1980. Die Binnennachfrage war gesättigt, neue Technologien (Robotik, Mikroelektronik etc.) zogen in die Fabriken und Büros ein – die Wirtschaft wuchs nur noch langsam, die Arbeitslosigkeit stieg ebenso wie die Staatsverschuldung. An der Frage der Wirtschaftspolitik zerbrach die sozialliberale Koalition.
Gesellschaftlich gab es gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen dem Staat und seinen Bürgern. Nicht nur die Durchsetzung des Baus der Startbahn West in Frankfurt forderte Tote, auch die Szenen an den Baustellen der Nuklearindustrie wurden von der Presse mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen verglichen. Gewalt in der Ehe und gegen Kinder war toleriert. Vergewaltigung in der Ehe war bis 1997 nicht strafbar. Noch Ende 1978 bestätigte das Bayerische Oberste Landesgericht ein »gewohnheitsrechtliches Züchtigungsrecht« von Lehrern im Unterricht.
Auch die Migration, die angebliche »Mutter aller Probleme«, gab es schon immer: Über 10 Millionen Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten nach dem Krieg – in Baden demonstrierte die Bevölkerung gegen die Ansiedelung der Vertriebenen; Millionen Arbeitsmigranten aus Südeuropa und der Türkei in der Wirtschaftswunderzeit; Millionen Aussiedler und Flüchtlinge im Zuge der Auflösung des Warschauer Pakts. Als Rechtsradikale in den 1990er Jahren in Hoyerswerda, Rostock, Mölln und Solingen öffentlich Jagd auf Ausländer machten, war der Staat hilflos.
Wenn man die Deutschen nach den Gründen fragt, warum sie die 1980er trotzdem für eine bessere Zeit halten, dann nennen sie die Qualität der Straßen und Brücken, den Zustand der Deutschen Bahn und den Aufstieg durch Bildung.
Die beiden letzten Punkte entstammen einer verzerrten Wahrnehmung. Die Bundesbahn war chronisch defizitär. Die staatlichen Haushaltsbelastungen für die Bahn in Westdeutschland lagen 1980 bereits bei 8,8 Milliarden DM. Die Wagen des Regionalverkehrs waren chronisch veraltet; und es fehlte überall Personal.
Und in Bezug auf die Bildung: Von den Mitte der 1960er Geborenen verdienten noch acht von zehn mehr als ihre Eltern. Von den Mitte der 1980er Geborenen sind es noch sechs von zehn. 1983 wurde das BAföG auf Volldarlehen umgestellt, die Zahl der Geförderten sank. – Unsere Bildungsprobleme begannen damals.
Und ganz ehrlich: Bessere Straßen und Brücken – das ist das Remake der Erzählung: »Er hat aber auch Autobahnen gebaut.«
Es war nicht besser.
Die Transformation der Gesellschaft
Nun kommt dieses Gefühl, es sei früher besser gewesen, ja nicht von ungefähr. Es hat seine Ursachen in einer strukturellen Veränderung der Gesellschaft:
- Alte Menschen leben mehr in der Vergangenheit; und alte Menschen werden mehr
- Eine andere Wirtschaftsstruktur und langsameres Wachstum
- Die Spaltung gesellschaftlicher Realitäten
Es gibt mehr alte Menschen
Wer alt ist, sucht Stabilität und Sicherheit. Das stimmt nicht für jeden Einzelnen, aber es stimmt in Summe. Und wenn die Mehrheit älter wird, dann lässt die Veränderungsbereitschaft einer Gesellschaft nach, nicht weil der Einzelne sich ändert, sondern weil sich die Gewichte verschieben.
1980 kamen auf 21 Millionen Kinder und Jugendliche 12 Millionen Ältere ab 65. Um 2006 waren es gleich viele. 2045 werden es etwa 22 Millionen Ältere und 13 Millionen Junge sein. Das Verhältnis zwischen alt und jung wird sich umgekehrt haben.
Von zehn Menschen, um die sich jemand kümmern muss, also Kinder unter 18 und Menschen über 80, war 1980 einer alt. Heute sind es drei, 2050 werden es vier sein. Wo sich die Gesellschaft früher vor allem um ihre Jungen kümmerte, kümmert sie sich heute mehr und mehr um ihre Alten. Sie kümmert sich nicht mehr um ihre Zukunft, sondern um ihre Vergangenheit.
Eine andere Wirtschaftsstruktur und langsameres Wachstum
Das Alter verschiebt die Aktivität der wirtschaftlichen Sektoren: Das Personal im Gesundheits- und Sozialsektor in Deutschland insgesamt stieg von 3,1 Millionen Menschen im Jahr 1991 auf fast 6,6 Millionen Menschen heute. – 14 Prozent der Erwerbstätigen kümmern sich in der einen oder anderen Form um Gesundheit und Soziales. Jeder Siebte. Wir beklagen häufig den Ärztemangel, aber 1990 gab es einen Arzt auf 335 Einwohner. Heute ist es einer auf 187. – Das sind fast doppelt so viele Ärzte.
Eine Gesellschaft, die ausbaut, die schafft Möglichkeiten für neues Wachstum: neue Industriegebiete, neue Straßen, neue Häfen. – Heute reparieren wir diese Infrastruktur. Dieses Geld schafft kein neues Wachstum, es sichert den Bestand.
Das bremst zusammen mit der Alterung der Bevölkerung das gesamtwirtschaftliche Wachstumspotenzial. Pflege ist weniger produktiv als Industrie. Hinzu kommt, dass Ältere weniger investieren als junge Familien.
Spaltung gesellschaftlicher Realitäten
Die Alterung erfolgt nicht einheitlich in Deutschland: Zehn Hamburgerinnen und Hamburgern im Alter von 20 bis 64 Jahren stehen knapp 3 Personen gegenüber, die 65 Jahre oder älter sind. In Sachsen-Anhalt sind es über 5. Baden-Württemberg liegt mit knapp 4 dazwischen.
Ballungszentren und Regionen mit gutem Bildungsangebot bleiben attraktiv und ziehen junge Menschen an. Das führt perspektivisch zu einem strukturellen Zusammenbruch der Versorgung im ländlichen Raum, wobei Ärzte und Apotheker vermutlich die Letzten sind, die gehen. Denn für sie gibt es Arbeit. Als Erstes schließen die Schulen, da nicht mehr ausreichend Kinder für die Klassen zusammenkommen. Eine Fußballmannschaft bekommt man in vielen ländlichen Regionen auch kaum noch zusammen. Darum ziehen Familien und junge Menschen weg. Betriebe finden keine Nachfolger mehr und schließen. Es fehlen Supermärkte, Elektriker, Installateure, Autowerkstätten. Wohnungen und Häuser stehen leer. Die Infrastrukturkosten verteilen sich auf weniger Haushalte. Das Leben wird teurer.
Angesichts dieser Herausforderungen und dieser individuellen Erfahrungen ändert sich das gesellschaftliche Bewusstsein, und zwar nicht nur bei Einzelnen, sondern in der Breite. Aus einer Gesellschaft, die sich auf die Zukunft freute, wird eine Gesellschaft, die der Zukunft müde wird und sich in die Vergangenheit flüchtet. Die Zukunft wird alt.
»Das Sein bestimmt das Bewusstsein«
Der Satz stammt von Marx. – Marx wandte sich damit gegen die Philosophie des deutschen Idealismus, der meinte, mit der Analyse des Bewusstseins die Wirklichkeit beschreiben zu können.
Das »gesellschaftliche Bewusstsein«, wenn es so etwas gibt, reagiert auf diese strukturelle Transformation mit drei Verdrängungsmechanismen, wenn man so will:
- Dem verklärenden Blick zurück und der nostalgischen Flucht in die Vergangenheit
- Dem Rückzug ins Private
- Und: Dem Anmelden von Ansprüchen im Namen einer Gerechtigkeit für die tatsächlich oder vermeintlich zu kurz Kommenden
Der verklärende Blick zurück
Ich kann es noch so oft sagen, dass es nicht richtig ist. Wir können noch so viele Statistiken, Fakten und Analysen auspacken. Das Gefühl, dass es besser war, geht nicht weg. Es geht nicht weg, weil es individuell natürlich schon besser war. Wir waren alle jünger, die Welt stand uns offen. Wir hatten Pläne. Wir waren jung, fit und schön. – Ich war gerne jung. Und ich erinnere mich an ein Leuchten in den Augen meiner Großmutter, wenn sie von ihrer Jugend erzählte. Als sie 20 war, tobte gerade der Zweite Weltkrieg, ihr Bruder war an der Front. Und trotzdem glänzten ihre Augen, wenn sie von dieser Zeit erzählte.
Hinzu kommt, dass gerade der Fortschritt der 1970er und 1980er Jahre ein öffentlich sichtbarer Fortschritt war. Es wurden neue Straßen gebaut, neue Schulen, Sporthallen, Schwimmbäder, Bibliotheken. Es wurden Neubaugebiete erschlossen. Die jungen Familien zogen in neue Häuser. Die Bahn entwickelte den ICE, Autos wurden sicherer, der technische Umweltschutz machte Riesenfortschritte. In den 1960ern änderte der Rhein noch regelmäßig seine Farbe. Es gab kaum Kläranlagen. In Frankfurt und München brannte es regelmäßig auf den Müllkippen.
Ab den 2000ern wurde der Fortschritt zunehmend unsichtbar. Das iPhone gibt es seit 2007. Der erste Tesla kam 2008 auf den Markt. Danach kam gefühlt nicht mehr viel. – Denn der medizinische Fortschritt, der Fortschritt in den Produktionsmethoden, die Ressourceneffizienz, die Optimierung von Prozessoren, all das sieht man nicht. Da kann man keine Bänder durchschneiden. – Und der wenige sichtbare Fortschritt (Windräder, Wärmepumpen, Elektroautos) wird in einen Kulturkampf hineingezogen.
Schließlich gibt es die Kulturindustrie, die von der Nostalgie ganz gut lebt: Das Fernsehen hat die junge Generation verloren und sendet jetzt 1980er und 1990er TV: »Verstehen Sie Spaß?« Und »Wer wird Millionär?« – Das Programm der Radiostationen lebt von der Musik dieser Zeit. Und selbst Dokumentationen und Museen entdecken die jüngere Vergangenheit als Schwerpunkte. – Warum? Weil es sich verkauft. Selbst mein Sohn hört meine Musik, und er ist damit nicht allein.
Der Rückzug ins Private
Während die Nostalgie vor allem ein Phänomen der älteren Generationen ist, ist der Rückzug ins Private eine Konsequenz aller Generationen, wenngleich aus verschiedenen Motiven. Bei den Älteren haben wir es mit einer Mischung aus falsch verstandenem »Platzmachen« – jetzt sind mal die Jungen dran, ich will nicht im Weg stehen –, einem gewissen Egoismus, zu dem man sich auf Autoaufklebern sogar fröhlich bekennt (»Reisen vor dem Sterben, sonst tun es die Erben«) und einem gesellschaftlichen Diskurs zu tun, der Alte entmündigt. Sie werden zu Objekten der sozialstaatlichen Versorgung und bekommen Wohnberatung, Ernährungsberatung, sportliche Aktivierung etc. angeboten, ob sie wollen oder nicht.
Die aktive Generation zieht sich zurück, weil sie überfordert ist. Doppelberufstätigkeit, die dennoch nicht reicht, um ein eigenes Haus zu bauen, weil Grundstücke und Nebenkosten so teuer geworden sind und weil die Erwartungen der Gesellschaft an Urlaube und Haushaltsausstattung größer geworden sind. In der Generation der heute über 60-Jährigen hat die Frau das Familienleben abgesichert. Das ließ Platz für ihr eigenes ehrenamtliches Engagement und das des Mannes. – Mit doppelter Berufstätigkeit und ohne Großeltern am Ort geht das nicht mehr.
Und schließlich haben die Jungen das Gefühl, dass sich Engagement nicht lohnt. Sie machen die Erfahrung, immer in der Minderheit zu sein. Und sie machen die Erfahrung, überall einem Mangel zu begegnen: zu wenig Lehrer, zu wenig Trainer, zu wenig von allem. Es ist nicht mehr normal, Fußball spielen oder ein Instrument lernen zu können.
Das Beharren auf Gerechtigkeit und die eigenen Ansprüche
Wo der Kuchen nicht mehr wächst, da beginnt das Sichern der eigenen Ansprüche. Die gesellschaftliche Diskussion nähert sich den großen gesellschaftlichen Fragen nicht mehr von einem Zukunftsbild her, sondern von den Ansprüchen und Partikularinteressen einzelner Gruppen. Das macht gemeinsame Lösungen quasi unmöglich, weil zwar die Ansprüche formuliert werden, weil aber unklar bleibt, wie sie bezahlt werden sollen bzw. wessen Ansprüche nicht erfüllt werden sollen.
Und Ansprüche gibt es viele:
- Der Anspruch der 64,5-Jährigen auf eine Rente ohne Abschläge
- Der Anspruch der hart Arbeitenden, denen nicht noch mehr zugemutet werden kann
- Der Anspruch der Jungen auf eine bezahlbare Wohnung und eine kostenfreie Kita
Wer einen Anspruch anmeldet, sagt immer auch: Ein anderer muss zahlen oder verzichten. Die linke Seite des politischen Spektrums schaut dann gerne auf die Vermögenden. Sie sollen mehr beitragen, damit Sozialversicherung, Sanierungsbedarf der Infrastruktur, eine bessere Bildung und Bundeswehrausrüstung bezahlt werden können. – Das Vermögenssteuerkonzept der Linken soll etwa 150 Milliarden Euro bringen. Die Konservativen fordern gerne Kürzungen im Sozialbereich, aber selbst die komplette Streichung des Bürgergelds brächte nur knapp 50 Milliarden. Der Staat hat aber Gesamtausgaben von 2,3 Billionen Euro. Den Löwenanteil davon müssen nach wie vor wir alle zahlen. – Die Ansprüche lassen sich nicht auf vermeintliche Randgruppen wie »Superreiche« oder »Totalverweigerer« abwälzen.
Das bisherige »Verhältnis« der Generationen – die Definition von Ansprüchen und Bedarfen
Das bisherige Verhältnis der Generationen wird oft als ein Anspruchsverhältnis definiert. Da sind zum einen die sozialen Sicherungssysteme, da ist aber auch die Frage, wie ein altersgerechtes Leben aussehen kann und was der Staat oder die Gesellschaft dafür bereitstellen kann oder soll.
Ich erspare mir die vielfältigen Diskussionen um die sozialen Sicherungssysteme, will nur darauf hinweisen, dass es mit einer Betrachtung des Rentensystems nicht getan ist. Es gibt Modellrechnungen, die zeigen, dass der Anstieg der Beitragssätze in der Krankenversicherung zu einem überwiegenden Teil auf die Alterung der Bevölkerung zurückzuführen ist. In der Pflege ist das unstrittig.
Bedenkenswerter erscheint mir die wachsende Bedeutung eines ehemals beiläufigen und nachrangigen Paragraphen des SGB XII.
1961 hatte man mit dem Bundessozialhilfegesetz erkannt, dass auch das Alter eine eigene Hilfsbedürftigkeit schaffen kann. Die Altenhilfe war ein kleiner Teil der Sozialhilfe, seit 2005 steht sie als § 71 im SGB XII. Also dort, wo es um Menschen geht, die sich nicht aus eigener Kraft helfen können. Wer das Alter so in den Blick nimmt, schafft Strukturen, die aus alten Menschen per se Bedürftige machen.
»Die Altenhilfe soll dazu beitragen, Schwierigkeiten, die durch das Alter entstehen, zu verhüten, zu überwinden oder zu mildern und alten Menschen die Möglichkeit zu erhalten, selbstbestimmt am Leben in der Gemeinschaft teilzunehmen und ihre Fähigkeit zur Selbsthilfe zu stärken.«
Und in der Tat entstehen immer mehr Organisationen und Hilfsangebote rund ums Altwerden, die sich auf diesen Paragraphen berufen. Sie schaffen sich ihre Nachfrage selbst. Vom Bund bis zur Gemeinde, von Verbänden bis zu Beratungsfirmen, alle kümmern sich jetzt um die Frage, wie man gut alt wird.
Der Deutsche Verein für öffentliche und private Fürsorge, der Fachverband von Kommunen, Ländern und Wohlfahrtsverbänden, hat mit Förderung des Bundesfamilienministeriums ein Lagebild erstellen lassen, das die Leistungen der Kommunen und Bundesländer im Rahmen dieses Paragraphen vergleicht. Es ist der Ausgangspunkt dafür, dass jetzt landauf, landab mehr gefordert werden wird.
Dieser Bericht, erstellt von einer Unternehmensberatung, zählt 13 Beratungsangebote zu den fünf Themen auf, die das Gesetz selbst nennt: gesellschaftliches Engagement, eine Wohnung finden und erhalten, alles rund um die Pflege, altersgerechte Dienste nutzen und schließlich Geselligkeit, Unterhaltung, Bildung und Kultur. Es fließt viel Geld in Mittagstische, Quartiersprozesse und Projektstellen. Das ist kaum noch zu überblicken.
Inzwischen wird sogar ein eigenes Altenhilfegesetz gefordert, das Land Berlin hat im Sommer eines auf Landesebene beschlossen. Aus einem kleinen Teil der Sozialhilfe soll ein Gegenstück zum Kinder- und Jugendhilfegesetz werden.
Was hat sich denn an der Situation der Alten gegenüber der glorreichen Zeit der 1980er geändert, dass sie jetzt ein eigenes Gesetz brauchen? Ist der einzelne Alte auf einmal hilfsbedürftiger als vorher? Wohl kaum. Die wirtschaftlichen und pflegerischen Bedarfe sind anderweitig abgedeckt.
Das Ganze ist aus drei Gründen philosophisch fragwürdig:
- Diese Strukturen werden von den Aktiven finanziert, die vergleichbare Hilfen nicht haben; und die aktuellen Alten haben, als sie aktiv waren, solche Strukturen auch nicht für die damals Alten finanziert. Wir verteilen also um von Jung zu Alt, von der Zukunft zur Vergangenheit.
- Viele Alte brauchen keine staatliche Unterstützung. Trotzdem sollen Beratung und Unterstützung nach § 71 »ohne Rücksicht auf vorhandenes Einkommen oder Vermögen« geleistet werden. Das verletzt das Subsidiaritätsprinzip.
- Und vielleicht das schlagendste Argument: Wir entmündigen die Menschen ab Mitte 60, wenn wir sie pauschal zu Adressaten der Altenhilfe erklären. Die Jugendhilfe soll in die Selbstständigkeit führen, sie macht sich überflüssig. Die Altenhilfe soll zwar die Selbstständigkeit erhalten, aber sie tendiert dazu, mit dem Altern mehr zu werden.
Aber was ist denn nun gerecht?
Das ist die Frage der Philosophie seit ihren Anfängen. Was ist gerecht? – Viele Ansprüche argumentieren mit Tauschgerechtigkeit: »Wir haben eingezahlt.« »Wir haben lange gearbeitet.« Ich habe etwas geleistet und möchte dafür jetzt einen Ausgleich. Schon Aristoteles tat sich schwer, dafür das rechte und für alle Zeiten gültige Maß zu finden.
Ich will die Frage daher anders stellen. Denn in dieser Form stellt sich die Gerechtigkeitsfrage nur, wenn ich die Gesellschaft als Tauschgesellschaft betrachte. Das entspricht zwar der Ideologie unserer Zeit, doch vor dem Tausch steht die Bereitschaft der einen, in Vorleistung zu gehen; die Bereitschaft, etwas zu geben mit dem Risiko, nichts dafür zurückzuerhalten. Die Kernfrage, die die Gesellschaft zusammenhält, ist nicht die Frage nach der Gerechtigkeit, sondern die Frage: Wer ist bereit zu geben? Wer ist bereit, Verantwortung zu übernehmen?
Zwischen den Generationen funktioniert die Idee des Tauschs ohnehin nicht: Schulden die Jungen den Alten etwas? Niemand wurde gefragt, ob er geboren werden will. Daraus kann Dankbarkeit entstehen, aber keine einklagbare Schuld. Der Generationenvertrag ist kein Vertrag, den irgendjemand unterschrieben hätte; seine Bedingungen müssen immer neu ausgehandelt werden. Und er ist kein Tauschvertrag. Was hätte die alte Generation der jungen auch im Tausch anzubieten?
Und umgekehrt? Wer ein Kind in die Welt setzt, ist dafür verantwortlich, ein Leben lang. Das ist der eigentliche Generationenvertrag: Was wir von unseren Eltern bekommen haben, können wir ihnen nie zurückzahlen. Wir können es nur weitergeben. Auch das ist kein Tausch. Es ist eine Gabe, die nach vorne gegeben wird. Es ist eine Gabe, die Zukunft stiftet.
Das Soziale, die Idee, dass der andere ein socius ist, ein Genosse, und kein Feind, Gegner oder Wettbewerber, diese Idee geht nicht von einer Tauschgemeinschaft unter Gleichen mit gleichen Rechten aus, sondern von der Bereitschaft zu geben, ohne zurückzuerhalten. Darin besteht die Verantwortung der Starken für die Schwachen, derer, die haben, für die, die nichts haben.
Und hier wird es jetzt spannend. Denn viele Alte sind stark. Sie sind vermögender als die Jungen: In jedem Perzentil haben Menschen zwischen 65 und 74 deutlich mehr Vermögen als Menschen zwischen 35 und 45 – von arm bis reich; im Mittel mehr als doppelt so viel; jedes Jahr werden in Deutschland 400 Milliarden Euro vererbt, der typische Erbe ist Mitte 50 und älter. Da wird Vermögen von ganz alt nach nicht ganz so alt verschoben.
Ältere Menschen müssen in Deutschland weitgehend nicht mehr arbeiten. Wer früher von seinem Vermögen leben konnte, den nannte man Rentier. Er galt als reich. Auch weil er frei über seine Zeit verfügen konnte. Hinzu kommen Wissen, Kompetenz und Erfahrung. Da ist ganz viel Stärke.
Zudem hat unsere Generation viele Dinge, die die Lebensrealität unserer Kinder erschweren, nicht gerade positiv beeinflusst: den Klimawandel vorneweg, die kaputte Infrastruktur und ein Bildungssystem, das zu viele zurücklässt und inzwischen auch in der Breite zu schlechte Ergebnisse produziert.
Daraus leitet sich eine besondere Verantwortung ab, um die die alte Generation schon immer wusste und die sich in dem Satz niedergeschlagen hatte: »Ihr sollt es einmal besser haben« – Die alten Alten wussten, dass man die Verantwortung für seine Kinder nie los wird.
Dazu wäre es aber nötig, dass die Alten mit diesem neuen Retro-Bewusstsein der Gesellschaft brechen: Sie wissen aus eigener Erfahrung, dass es früher nicht besser war. Sie hätten die Zeit, sich zu engagieren. Und sie hätten die Freiheit, einen Anspruch zu formulieren, nicht an andere, sondern an sich selbst – für die Jungen: »Ihr sollt es einmal besser haben…«
Vielleicht kann man ja diesen Satz zu einer Art Prüfstein für individuelle und politische Entscheidungen machen, die jetzt anstehen: Hält der Erhalt der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren dieser Maßgabe stand? Hält das Nichtstun in der Bildungspolitik dem stand? Hält die Abschaffung von Heizungsgesetz und Verbrennerverbot dem stand?
Der französische Philosoph Emmanuel Levinas sagte einmal, Verantwortung bestehe darin, für eine »Zeit ohne mich« zu handeln und darauf zu verzichten, Zeitgenosse des Triumphs seines Werkes zu sein.
Mein Großvater ließ Mitte der 1980er Jahre die Heizung in der kleinen Eigentumswohnung der Großeltern nochmal austauschen. Da war er 65 und hatte statistisch noch etwas mehr als 12 Jahre zu leben. Für sich selbst hat er das nicht gemacht.