Autor, Philosoph, Theologe

Kategorie: WirtschaftsWoche

  • Schwächeln ist menschlich

    Schwächeln ist menschlich

    Schwächeln ist menschlich

    Seit die Maschine mit uns spricht, ist das Thema der künstlichen Intelligenz wieder groß in Mode. Manche erwarten gar die Ablösung des Menschen durch eine Super-Intelligenz. Die Ideen sind alles andere als neu. Sie setzen darauf, dass wir vergessen, dass sich menschliches Leben und Zusammenleben nicht in Denken und Reden erschöpft.

    Seit langem rechnen Computer schneller (und zuverlässiger) als der Mensch; genau dafür wurden sie erfunden. Das hat niemanden weiter beschäftigt: Zu kompliziert war die Bedienung mit Lochkarten und Magnetbändern, zu unhandlich waren die Großgeräte. Doch selbst als der IBM-Computer Deep Blue den damaligen Weltmeister Gary Kasparow 1996 im Schach besiegte, blieb die große Aufregung aus. Man hatte schnell verstanden, dass auch Schach nichts anderes ist als ein Optimierungsproblem in einem regelbasierten Umfeld. Deep Blue konnte in der Sekunde über 100 Millionen Stellungen analysieren und bewerten. Da kam der Weltmeister nicht mehr mit. Dass Deep Blues Nachfolger Watson 2011 sich im Spiel Jeopardy im amerikanischen Fernsehen gegen die Titelverteidiger durchsetzte, schaffte es nicht mehr auf die deutschen Titelseiten.

    Doch jetzt, wo die Maschine Geschichten erzählt und Bilder malt, für Zeitungsartikel recherchiert und diese schreibt, Unternehmensdaten analysiert und die Unternehmensplanung erledigt, ist die Aufregung groß. Zeitungen geben wöchentliche Newsletter heraus, Unternehmen entwickeln KI-Strategien, und die Bewertung der Digitalunternehmen erfährt neue Höchststände. Es herrscht Goldgräberstimmung. Doch gleichzeitig verändert sich die Arbeitswelt der kulturellen und wirtschaftlichen Elite: Plötzlich ist man selbst Gegenstand des technologischen Fortschritts, den man bislang nur beschrieben oder gemanagt hat. Die Sorge vor dieser Hochrisikotechnologie ergreift auch die intellektuelle Elite, weil sie selbst nicht mehr versteht, was geschieht. Ein Großteil der Unruhe könnte damit zu tun haben.

    Aber nicht nur. Wissen, Vernunft und Sprache sind geradezu die Definition des Menschseins. Wir sind der homo sapiens, der wissende Mensch. Wir sind das animal rationale, das vernünftige Lebewesen. Und wir sind nach einer Bestimmung, die schon älter ist als Aristoteles, das zoon logon echon, das Lebewesen, das Sprache hat. Sprache scheint der Kern dessen zu sein, was wir sind. Ohne Sprache bleiben unser Wissen und unsere Vernunft stumm. Mit der Sprache treten wir in Kontakt zur Welt und zum anderen Menschen.

    Nun hat die Maschine es dank eines unglaublich großen Datensatzes und einer noch größeren Rechenleistung geschafft, Sprache als mathematisch-statistisches Phänomen zu reformulieren und uns mit seiner Auswertung zu beeindrucken. Wir hören sie sprechen. Und uns gefällt, was wir hören, reflektiert es doch alle digitalisierten Werken der Weltliteratur und die Erkenntnisse aus wissenschaftlichen Veröffentlichungen einer ganzen Generation: „Der Weltgeist aus der Maschine“, bemühte der Spiegel den Philosophen Hegel für das Titelthema im März 2023.

    Wird die Maschine nun menschlich? Stehen wir kurz vor einer Intelligenz-Explosion? – Auch diese Frage ist alt. Schon 1965 erwartete der britische Mathematiker Irving John Good die Erfindung einer „ultra-intelligenten Maschine“, die dem Menschen in allen intellektuellen Fähigkeiten weit überlegen sei. Diese Maschine sei die letzte Erfindung, die der Mensch noch machen müsse, danach werde er nicht mehr gebraucht.

    Vor zehn Jahren beschrieb der in London lehrende schwedische Philosoph Nick Bostrom die künstliche Intelligenz als den vielversprechendsten Weg zur Entwicklung einer solchen „Superintelligenz“. Als Transhumanist, der die Verbesserung oder Ablösung des Menschen durch eine technologisch optimierte Lebensform erwartet und begrüßt, begann Bostrom gar, darüber nachzudenken, ob und inwieweit Menschen verpflichtet wären, denkende Maschinen nach menschlich-moralischen Maßstäben zu behandeln und ihnen gegebenfalls zu Diensten zu sein.

    Allein, die Debatte kommt einem manchmal so vor, als hätten die letzten einhundert Jahre philosophischer Reflexion nicht stattgefunden. Man startet beim mittlerweile über 200 Jahre alten Hegel’schen „Weltgeist“, der die Verwirklichung der Vernunft in der Weltgeschichte sein sollte, übersetzt ihn in ein logisch-mathematisches Problem und erwartet, dass die Algorithmen der Superintelligenz dasselbe eines Tages lösen werden.

    Dabei wusste schon Ludwig Wittgenstein vor über 100 Jahren, dass die menschlichen Probleme nicht annähernd gelöst sind, wenn alle wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind. Und wer den Philosophen des Existenzialismus, der kritischen Theorie, der Phänomenologie oder des Post-Strukturalismus in den vergangenen 50 Jahren nur ein bisschen zugehört hat, weiß, dass die Fragen nach der Vernunft, der Sprache und dem Menschen allesamt nicht einfach zu beantworten sind: Die menschliche Existenz erschöpft sich nicht in Intelligenz, und unser Zugang zur Welt ist mehr als Datenanalyse und -aufbereitung.

    „Leiblichkeit“ nennt die Philosophie das Phänomen, dass der Mensch nicht nur zufällig einen Körper hat, sondern dass er dieser Körper ist. Die Existenz des Menschen ergibt sich nicht aus einer Kombination von Hard- und Software, sondern drückt sich aus in einem Leib, der empfindsam ist sowie räumlich und zeitlich begrenzt.

    In unserer Empfindsamkeit begegnen uns die Welt und der andere, ohne dass wir uns ihrer erwehren könnten. „Der Mensch badet in den Elementen“, schrieb der französische Philosoph Emmanuel Levinas. Wir verstoffwechseln unsere Welt, lange bevor wir sie analysieren oder über sie sprechen. Wir haben keine Kontrolle über unser Genießen, noch weniger aber über unseren Schmerz. Im physischen Schmerz sind wir der Welt ausgesetzt und können uns von ihr nicht freimachen. Die Maschine würde einen nicht funktionierenden Sensor abschalten. Wir können das nicht. Wir altern. Kein Upgrade und kein Update möglich. Schon der simple Organersatz ist lebensgefährlich.

    Die räumliche und zeitliche Begrenztheit unserer Existenz macht sie einzig. Niemand kann mich in meinem Leib ersetzen. Und ich kann niemanden in seinem Leib ersetzen. Jeder muss für sich sterben, jeder muss die Zerbrechlichkeit seiner eigenen Existenz aushalten, bis sie nicht mehr auszuhalten ist. Die Kopie der Software auf eine andere (identische) Hardware ist nicht möglich. Unser Leib trägt die Spuren unserer Existenz.

    Dadurch erlangt die menschliche Existenz Bedeutsamkeit. In der Sorge um das Leben des anderen und im Einsatz des eigenen Lebens für ihn entsteht menschliche Gemeinschaft. Unser Leben nur einigen wenigen widmen zu können, ist kein Problem unserer begrenzten Rechenleistung, es ist die Schönheit und Tragik der menschlichen Existenz, die wir Liebe nennen. Die Maschine kann nicht lieben, weil sie nicht endlich ist, sie kann nicht leiden, weil sie keinen Leib hat, und sie kann nicht für den anderen sterben, weil sie nicht lebt. Sie mag denken und reden können; aber ob sie je verstehen wird, was lieben, leiden und sterben bedeutet? Wir verstehen es ja selbst kaum.

    Die Gefahr der künstlichen Intelligenz besteht darin, dass wir auf die Maschine in all ihrer Eloquenz und Beredsamkeit hereinfallen, dass wir uns vorgaukeln lassen, alle Fragen seien lösbar und der Mensch sei ersetzbar, nur weil die Maschine manche Funktionalitäten unseres (beruflichen) Alltags schneller und genauer erfüllt, als wir es könnten. Wo wir den Menschen in unserer alltäglichen Interaktion durch die Maschine ersetzen, berauben wir uns jenes Überschusses an Menschlichkeit, der nicht für die ökonomische Transaktion gebraucht wird und nicht in Intelligenz oder Sprache aufgeht.

    Das Büro ist nicht nur ein Ort, wo Quartalsabschlüsse, Konstruktionszeichnungen, Verträge oder Zeitungsartikel produziert werden. An den Schulen und Universitäten wird nicht nur Wissen vermittelt. Und in den Arztpraxen und Kliniken werden nicht nur Krankheiten behandelt. Überall begegnen wir Menschen in ihrer Individualität, mit all ihren Eigenheiten, ihren Stärken und Schwächen. Auch wenn Maschinen eines Tages die besseren Manager, Ingenieure, Anwälte, Journalisten, Lehrer oder Ärzte werden sollten, sie werden nicht die besseren Menschen. Sie könnten aber uns davon abhalten, es zu werden, weil die maschinelle Illusion von Perfektion uns Demut und Großzügigkeit im Umgang mit den Schwächen des anderen vergessen und verlernen lässt.

    Der Beitrag erschien unter dem Titel »Schwächeln ist menschlich« in der WirtschaftsWoche N° 34 vom 16.08.2024

  • Demokratie und Wirtschaft – es passt nicht mehr

    Demokratie und Wirtschaft – es passt nicht mehr

    Demokratie und Wirtschaft – es passt nicht mehr

    Vor fast 250 Jahren definierte Immanuel Kant die Aufklärung als den Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Der Liberalismus als philosophische, politische und ökonomische Weltanschauung berief sich seither auf jene Mündigkeit des Individuums und prägte die westlichen Gesellschaften und ihre Wirtschaftsordnungen. Doch seine Strahlkraft lässt nach. In den Demokratien werden rechte und populistische Kräfte stark; gleichzeitig öffnen die totalitären Diktaturen zwar ihre Wirtschaft, nicht aber die Gesellschaft. Die gern geglaubte Gleichung »Freie Wirtschaft = Freie Gesellschaft« erweist sich zunehmend als falsch.

    All das kommt nicht überraschend. So warnte Theodor W. Adorno schon in den 1950er Jahren davor, dass die ökonomische Ordnung auch nach dem Ende des Faschismus die Mehrheit der Menschen in Unmündigkeit halte. Es ging ihm weniger um das konkrete wirtschaftliche Wohlergehen und die fehlenden ökonomischen Mittel zur Selbstverwirklichung. Er sah vielmehr im Wirtschaftssystem einen Zwang angelegt, der der individuellen Autonomieerfahrung entgegensteht. Das gebrochene Versprechen auf Freiheit und Autonomie lasse die Menschen indifferent gegenüber der Demokratie werden und anfällig für die Versprechen des Totalitarismus.

    Dieser Zwang, so wollen wir argumentieren, kam seit Adornos Diagnose als anonymes System gesellschaftlich vollends zum Vorschein – im Beruflichen, im Privaten und in der Politik – und ist nun mit dem Durchbruch der künstlichen Intelligenz geeignet, die Demokratie strukturell zu gefährden.

    Die Berufswelt hat sich anonymisiert und bietet immer weniger soziale Heimat. Die ehemals inhabergeführten Geschäfte – Supermärkte, Drogerien, Baumärkte – sind den Filialen überregionaler Großunternehmen gewichen und haben die innenstädtische Lebenswelt der Bürger verlassen. Prozesse, Warenangebot und Arbeitskleidung sind standardisiert. Der verantwortliche Unternehmer wurde durch den nach Kennzahlen gesteuerten Filialleiter ersetzt. In den Großkonzernen sind lokale Strukturen durch funktionale ersetzt worden. Querschnittsaufgaben wurden zentralisiert, outgesourced oder offgeshored. Wer früher Kollege war, ist heute externer Dienstleister und kann morgen schon ausgetauscht werden. Und innerhalb des eigenen Unternehmens lösen agile Teams, Tele-Arbeit und Flex-Offices verbindliche Strukturen auf. Wer zur Arbeit kommt, wird ein Rädchen im Getriebe.

    Das Privatleben hat sich verkompliziert und ökonomisiert. Dank der Liberalisierung ehemals öffentlicher Dienstleistungen muss der Bürger heute mehr ökonomische Entscheidungen treffen als je zuvor. Er hat die Wahl aus hunderten von Strom-, Gas- und Telekommunikationstarifen. Die Krankenkasse muss er wählen und sich nach Möglichkeit für eines der über 6.300 zertifizierten Riester-Renten-Produkte entscheiden. Die Lage ist unüberschaubar. Häufig entdeckt er nach Vertragsabschluss, dass er eine Sonderaktion versäumt, einen Bleibe- oder Wechselbonus nicht wahrgenommen oder ein kostenfreies Zusatzangebot nicht rechtzeitig gekündigt hat. 

    Und die Politik greift ebenfalls verstärkt zu ökonomischen Instrumenten, um die Gesellschaft zu lenken: CO2-Abgabe und schadstoffausstoßabhängige LKW-Maut, Langzeitstudiengebühren und Bildungsgutscheine, Zigaretten- und Alkopopsteuer, die Liste ließe sich fortsetzen. Der Staat übt ökonomischen Druck aus, der vor allem bei der unteren Hälfte der Bevölkerung ankommt; die Wohlhabenden haben die finanziellen Mittel, um sich freizukaufen.

    Man kann die Liberalisierung ehemals öffentlicher Dienstleistungen und die zielgerichtete Besteuerung unerwünschten Verhaltens als Antwort der liberalen Demokratie auf die von Hartmut Rosa beschriebene Beschleunigung der Moderne begreifen: Wo alle Lebensvollzüge kontinuierlich schneller werden, dauert demokratische Willensbildung und Kompromissfindung zu lange. Die ökonomische Logik ist schneller, aber auch liberaler, weil sie keine Vorschriften macht, sondern die Menschen entscheiden lässt, wie und wo sie ihr Geld ausgeben.

    All diese Entwicklungen haben uns wirtschaftliche Vorteile gebracht: Längere Ladenöffnungszeiten, ein größeres Warenangebot, günstigere Produkte, weniger staatliche Verbote. Doch sie haben auch den Zwangscharakter eines anonymen Systems verstärkt. Es ist schwer, jemanden zu finden, der die Verantwortung trägt. Immer scheint es der anonyme Markt zu sein, dem wir nicht entkommen können. 1984 musste der Postminister dem Parlament noch Rede und Antwort stehen für die 6-monatigen Wartezeiten auf einen Telefonanschluss beim Fernmeldeamt Lübeck. Heute gibt es keinen Postminister mehr; und die Antwort auf die fehlenden Glasfaseranschlüsse oder die schlechte Netzabdeckung sind die ökonomischen Zwänge und „der Markt“, dem man Versagen unterstellt. Dabei zeigt er sich gerade darin effektiv, unrentable Vorhaben zu verhindern, so sehr sie politisch auch gewünscht sind.

    Dass solche Wirkmechanismen des Marktes einen Zwang darstellen können, dafür ist der Liberalismus blind. Der Markt ist ihm die Summe der freien Entscheidungen mündiger Bürger. Doch während die liberalen Gesellschaften weiterhin versuchen, die Ökonomie in ihren Dienst zu nehmen, wird in der internationalen Tech-Szene und im Silicon Valley längstüber eine andere Zukunft nachgedacht. Accelerationism nennt sich eine Denkschule, der der Mensch zu unvollkommen ist und das Institutionengeflecht des demokratisch verfassten Staats zu langsam. Der Philosoph Nick Land propagiert die Organisation der Gesellschaft in der Form von Aktiengesellschaften mit den Bürgern als Anteilseignern und strebt eine umfassend technologisierte und de-humanisierte Wirtschaft an.

    Jene ist seit dem Durchbruch der Generative Artificial Intelligence mit Händen greifbar. Die strukturellen Konsequenzen für das Verhältnis von Wirtschaft und Gesellschaft werden dabei bislang unterschätzt. So hat der deutsche Ethikrat in seiner detailreichen und differenzierten Stellungnahme zu Künstlicher Intelligenz zwar vier Felder näher untersucht – Medizin, Bildung, öffentliche Kommunikation und Meinungsbildung sowie öffentliche Verwaltung –, hebt dabei aber vor allem auf Einzelanwendungen ab. Dass Maschinen und Algorithmen einzelne Prozesse oder Prozessschritte in Unternehmen übernehmen, ist jedoch nicht neu; so findet ein Großteil des Börsenhandels schon heute automatisiert statt, und der Autopilot landet das Flugzeug ruhiger als der Mensch.

    Neu ist die Möglichkeit der restlosen Vernetzung der Einzelprozesse und der Automatisierung des gesamten Unternehmens, von Einkauf über Mitarbeiterdisposition bis zum Vertrieb. Der chinesische Konzern Netdragon Websoft hat – wenn auch vermutlich als PR-Aktion – den CEO seiner Tochtergesellschaft Fujian im August 2022 durch eine künstliche Intelligenz ersetzt. Was uns bevorsteht, ist ein eigenständiges Computerprogramm, das als Unternehmen am Wirtschaftsgeschehen teilnehmen kann. Dabei geht es nicht primär um die Reduzierung von Kosten, wie die aktuelle Diskussion um die wegfallenden Arbeitsplätze glauben lassen möchte. Der weitaus größere Hebel der künstlichen Intelligenz ist die Steigerung des Umsatzes und der Marge; kurz: wir alle sollen mehr kaufen und mehr bezahlen.

    Die ersten voll-digitalen Unternehmen werden wir daher vermutlich im Vertrieb von einfachen Verträgen sehen: Strom und Gas, Telefon und Internet, Bank- und Versicherungsdienstleistungen. Die Plattformen stehen längst, die Prozesse sind digitalisiert und laufen auf den Servern von Amazon, Google und Microsoft in der Cloud. Derzeit arbeiten noch letzte Menschen im Callcenter, in der Produktentwicklung und der Programmierung der Prozesse. Sobald der Computer zuverlässig eigenständig kommunizieren und programmieren kann, werden auch sie ersetzt. Und da der Computer über unsere verschiedenen Bedarfe hinweg ständig alle relevanten Daten präsent hat, durch Analyse seines menschlichen Gegenübers seine Verkaufsstrategie in Echtzeit anpassen kann und auch nach acht, zwölf oder 16 Stunden Einsatz nicht müde wird, wird er zum unwiderstehlichen Verkäufer und Verführer. Gilles Deleuze‘ Metapher vom Kapitalismus als Maschine wird Wirklichkeit.

    Müssen wir angesichts der neuen technischen Wirklichkeiten wirtschaftliche Freiheit neu bestimmen? – Der Liberalismus verteidigt zu Recht die Freiheit des menschlichen Unternehmers. Eine freie Gesellschaft ohne freie Berufswahl und freies Unternehmertum ist schwer vorstellbar. Der Ökonom Friedrich August von Hayek ging so weit, die ökonomische Gesellschaft als Retterin der Demokratie vor sich selbst zu feiern. Demokratie habe eine Tendenz dazu, »zwangsläufig egalitär« zu werden, schrieb er. Mit der Rechtsfiktion der „juristischen Person“ gemäß Artikel 19 des Grundgesetzes erkennen wir Unternehmen sogar Grundrechte zu und sind bereit, diese gegen die Grundrechte von Menschen abzuwägen. Doch würden wir auch einem von Maschinen gesteuerten Unternehmen Grundrechte zuerkennen, wenn es ein von Menschen gesteuertes Unternehmen ersetzte? – Mit verbundenen Augen wird Justitia den Unterschied nicht sehen.

    Aufklärung, die wie Kant meinte, „einzig Freiheit“ brauche, wird da nicht reichen. Er hielt unsere Unmündigkeit noch für selbstverschuldet durch „Faulheit und Feigheit“. Der Liberalismus ist mit dieser These weit gekommen: Wir leben heute vermutlich in der wohlhabendsten und freiesten aller Welten. Kant war zuversichtlich, dass in einer freien Gesellschaft einige wenige anfangen würden zu denken und so den Rest aufklären. Allein, sie werden es schwer haben gegen die Maschinen und ihre Verführungskunst. Der Maschine gegenüber werden wir zunehmend unmündig. Sie weiß mehr über uns als wir selbst, kennt unsere Schmerzgrenzen, wenn wir für sie arbeiten sollen, und unsere Schwachstellen, wenn sie uns etwas verkaufen will.

    Wenn Adornos These stimmt, dass die mit dem ökonomischen System verbundenen Zwangserfahrungen den Rechten Auftrieb verleihen, – und diverse aktuelle Studien zeigen entsprechende Korrelationen zwischen der Unzufriedenheit mit der Demokratie und der Ablehnung der (ökonomischen) Globalisierung sowie dem Gefühl, nicht mehr zur Gesellschaft dazuzugehören – dann müssten wir uns Gedanken machen, wie wir die Menschen wieder in die Lage versetzen, Mündigkeit zu erfahren.

    Wir müssten den individuellen Unternehmer gegenüber den anonymen Unternehmen stärken und den Menschen im Beruf wieder die Chance geben, in einem Umfeld zu arbeiten, das Autonomieerfahrungen ermöglicht.

    Wir müssten die ökonomischen Entscheidungen im Privaten, die viele Menschen nicht überblicken können und die gesamtgesellschaftlich wenig Wert stiften, zurückdrängen. Niemand braucht die Vielzahl an Anbietern und Tarifen für den Bereich der (ehemals) öffentlichen Daseinsvorsorge.

    Und wir müssten uns in der Politik wieder trauen, Entscheidungen politisch zu treffen, anstatt einen Marktmechanismus zu erfinden und dann darauf zu warten, dass die Klügsten und Schnellsten in dem neuen Markt gewinnen und die weniger Klugen und weniger Schnellen nach Subvention und Aufschub rufen.

    All das würde bedeuten, dass unser gesellschaftlicher Wohlstand langsamer wächst, weil wir die wirtschaftliche Dynamik bremsen. Das macht Verteilungsfragen virulenter als heute und mag linke Gruppierungen stärken, muss aber für die liberale Gesellschaft nicht schädlich sein, waren es doch vor allem Arbeiterbewegungen und politisch Linke, die in Spanien und Griechenland in den 1970ern und auch in Osteuropa Ende der 1980er Jahre zum Sturz totalitärer Regime beitrugen. Die Wirtschaft hingegen wird uns im Zweifelsfall nicht gegen den Totalitarismus zu Hilfe eilen, sie lebt damit in anderen Teilen der Welt recht gut und ist auch in Deutschland in der Vergangenheit nicht als große Widerstandskämpferin aufgefallen.

  • Die Reparaturgesellschaft

    Die Reparaturgesellschaft

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    Die Reparaturgesellschaft

    Vor 50 Jahren hat der französische Soziologe Jean Baudrillard „Die Konsumgesellschaft“ als Ökonomie der Stimulation, des Immerneuen und des Überflusses seziert. Damit ist es heute vorbei. Wir sind „in die Jahre gekommen“ – und befinden uns auf dem Weg in die „Reparaturgesellschaft“.

    Als Jean Baudrillard 1970 über die Konsumgesellschaft schrieb, blickte er auf fast 30 Jahre kontinuierlichen Wirtschaftswachstums zurück. Die französischen Trente Glorieuses, die glorreichen Dreißig, hatten das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf vervierfacht und einen bis dato ungekannten Wohlstand geschaffen. Der Begriff „Wunder“, wie ihn die Deutschen für ihre Wirtschaftsentwicklung verwendeten, mochte sich im säkularen Frankreich nie durchsetzen, aber das Gefühl war dasselbe. Jedes Jahr konnten sich mehr Menschen mehr leisten. Und alles musste konsumiert werden. „Ich kauf mir was, Kaufen macht so viel Spaß!“, sang Herbert Grönemeyer 1983 und brachte das Selbstbild des Kon- sumbürgers prägnant zum Ausdruck: „Ich hab’ schon alles, ich will noch mehr. Alles hält ewig, jetzt muss was Neues her.“

    Dass es eben jene Dauerhaftigkeit der Dinge war, die dem Wesen des Konsums entgegenstand, hatte Baudrillard früh erkannt. Es geht nicht um Kauf und Besitz von Annehmlichkei- ten, sondern um deren „Zerstörung“. Nur, wenn ich das Erstan- dene verzehre, verbrauche, vernutze, bleibt die Maschine der Erneuerung in Gang. Es regiert nicht das Lebensnotwendige, sondern der Überfluss, das kleine bisschen Mehr, das man sich leisten kann: der Restaurantbesuch, der Urlaub am Meer, das neue Auto, obwohl es das alte „noch tut“. Das kleine bisschen Mehr, das man nicht braucht, sondern begehrt.

    Die Konsumgesellschaft ist keine Mangelgesellschaft, son- dern eine Überflussgesellschaft. Und ihre Ökonomie kümmert sich weniger um die effiziente Verteilung knapper Güter als um die Stimulierung des Konsums und der Begierde: Marketing und Werbung gewinnen daher eine entscheidende Rolle im Wirtschaftsgeschehen, so entscheidend, dass Google, Tencent und Facebook, drei der wertvollsten Unternehmen der Welt, fast ausschließlich von Werbeeinkünften leben. Der größte Erfolg des Marketings war die radikale Beschleunigung von Moden und Trends in nahezu allen Produktgruppen: Kleidung, Sportausrüstung, Möbel, Autos – alles altert schneller, weil ständig neue Trends ausgerufen werden. Und der technische Fortschritt von den diversen „Smart Devices“ und den zugehörigen Apps ist auch nicht mehr viel mehr als eine Mode. Für den normalen Konsumenten dürfte der Unterschied zwischen zwei Generationen des gleichen Smartphones kaum wahrnehmbar sein, mit den beworbenen Leistungskennzahlen kann er ohnehin wenig anfangen. Er kauft, sofern er kann, weil er kaufen will. Der Protagonist der Konsumgesellschaft ist kein Homo oeconomicus mehr. Sein Verhalten lässt sich besser als Spiel oder als Sucht denn als Nutzenoptimierung beschreiben.

    Heute, 50 Jahre nach Baudrillard und 40 Jahre nach Grönemeyer, wird zwar nach wie vor konsumiert, sogar mehr als je zuvor, doch der Fo- kus der Gesellschaft scheint sich zugleich zu verlagern, weil wir die Erfahrung machen, dass die Dinge eben nicht ewig halten. Die Gesellschaft der 1960er- und 1970er-Jahre befand sich ja nicht nur auf einem konstanten Wachstums- und Wohlstandspfad, sie war auch von der Reparatur des Bestehenden weitgehend verschont: Häuser, Straßen, Schienen, Kraftwerke, Telefonleitungen – alles war damals neu. Heute, wo alles „in die Jahre gekommen ist“, verlangen diese Dinge un- sere Aufmerksamkeit, unsere Zeit und unser Geld. Der Konsum vor allem basaler Infrastruktur weicht der Reparatur. Es geht oft nicht mehr um eine erneuernde, alles Alte übertrumpfende Zerstörung des Bestehenden, sondern um den erneuernden Erhalt, man könnte auch sagen: um die Re-Novierung des Alten, das vor unserer Zeit gebaut wurde.

    In Deutschland müssen laut der Autobahngesellschaft jedes Jahr 400 Autobahnbrücken erneuert werden. Die Deutsche Bahn hat ein Sanierungsprogramm der wichtigsten Schienenwege und Bahnhöfe angekündigt, das umfangreiche Sperrungen und Reisezeitverlängerungen nach sich ziehen wird. Die Kohlekraftwerke müs- sen durch erneuerbare Energien und Gaskraftwerke mit grü- nem Wasserstoff ersetzt, die Stromnetze für Elektroautos und Wärmepumpen aufgerüstet werden. Und die Sanierungsrate der Gebäude muss sich verdoppeln, jedes Jahr zwei bis zweiein- halb Prozent des Bestands: Dämmung von Dach und Wänden, neue Fenster und neue Heizung. Gleichermaßen muss unsere Infrastruktur auf die mit dem Klimawandel zunehmenden Ex- tremwetterereignisse vorbereitet werden: Höhere Dämme an den Flüssen und mehr Überschwemmungsgebiete, mehr und größere Regenrückhaltebecken in den Gemeinden, ein Rück- bau der Versiegelung und mehr Grünflächen in den Städten, um das Aufheizen im Sommer zu reduzieren.

    Entscheidend dabei: All das geschieht, ohne dass wir einen echten Wohlstandsgewinn haben. Wir fahren heute schon Auto und Bahn, haben Licht und Wärme und wohnen komfortabel. Es geht nicht mehr um das bisschen Mehr, das wir uns leisten könnten. Es geht um die (Vorwärts-)Verteidigung des Erreichten.

    Da passt es ins Bild, dass wir in dieser Situation auch wieder mehr Geld für die Landes- und Bündnisverteidigung ausgeben. Der Feind des Wohlstands kommt nicht nur aus dem Inneren in Form von Korrosion, Verschleiß und der von uns provozierten Natur, sondern nun wieder auch von außen. Die anstehende bessere Ausrüstung der Bundeswehr ist dabei weit von einer „Aufrüstung“ entfernt. Es geht um den Ersatz von bisheriger Technik, die entweder nicht mehr funktionstüchtig oder veraltet ist, oder einfach um das Auffüllen von Munitionsdepots, damit die Munition uns im Ernstfall nicht nach wenigen Tagen ausgeht – und damit wir das, was wir haben, verteidigen können.

    Dem Reparaturbedarf an unserer Infrastruktur entspricht ein Pflegebedarf an uns selbst. Die Zahl der Pflegebedürftigen soll von heute knapp fünf auf über sechs Millionen im Jahr 2040 steigen, wenn man nur die heutigen Bedarfe extrapoliert. Wir werden immer älter, und alte Menschen sind häufiger pflegebedürftig. Hinzu kommt, dass die medizinische Versorgung immer besser wird und immer mehr Menschen immer schwerere Krankheiten überleben und im Anschluss pflegebedürftig sein werden. In fast jeder Familie wird es mindestens einen Pflege- bedürftigen geben. Unser Blick auf den Körper wird sich verändern, weg vom Objekt der Begierde hin zum Objekt der Pflege.

    Auch vor 50 Jahren wurde schon repariert, aber es wurde vor allem neu gebaut. Und auch vor 50 Jahren wurden schon Alte gepflegt, aber gleichzeitig gab es viel mehr Kinder. Die Zukunft stand offen. Heute funktioniert die von Baudrillard be- schriebene Gleichung „Wachstum = Überfluss = demokratische Teilhabe aller“ nicht mehr, weil wir zu viel reparieren müssen. Wenn die Demokratie dennoch weiter funktionieren soll, braucht sie eine andere Erzählung als die von Konsum, Wachs- tum und Fortschritt. Die lange gültige Fortschrittserzählung, die die modernen Gesellschaften zusammengehalten hat, wird brüchig. Dabei ist die Diskussion, ob es tatsächlich noch Fortschritt gibt, müßig; er wird schlicht subjektiv immer weniger erlebt: Viele arbeiten nicht mehr. Und die, die arbeiten, arbeiten nicht am Fortschritt, sondern reparieren und pflegen.

    Wer die Gesellschaft zusammenhalten und nicht zusehen will, wie dieser Zusammenhalt erneut durch die nationale Erzählung und die Abgrenzung nach außen organisiert wird, braucht eine andere, glaubwürdigere Erzählung, die dieses Mal keine Vision einer besseren Zukunft sein kann. Sie müsste auf der Vergangenheit aufbauen, sich um Elemente der Dankbarkeit und der Verantwortung für das Erreichte konstruieren, was es für unsere (wenigen) Kinder zu bewahren gilt. Wir müssten lernen, zufrieden zu sein. Dazu müssten wir die alte Konsumgesellschaft und ihr Marketing hinter uns lassen, das uns ständig einredet, wir bräuchten mehr. Und dazu müssten wir auch die Verteilungsfrage neu stellen, da der Kuchen vom Reparieren und Pflegen nicht mehr wächst.

    Erstveröffentlichung: WirtschaftsWoche 35, 25.8.2023

  • Sollen und Haben

    Sollen und Haben

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    Sollen und Haben

    Nicht erst seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine steht die Moral auch in der Wirtschaft wieder hoch im Kurs. Das World Economic Forum hat Kennzahlen für ethisches Wohlverhalten entwickelt, und Unternehmen versuchen, sie zu implementieren. Doch brauchen wir nicht radikalere Ansätze?

    Der deutsche Soziologe Niklas Luhmann hat der Wirtschaftsethik unterstellt, „dass sie zu der Sorte von Erscheinungen gehört wie auch die Staatsräson oder die englische Küche, die in der Form eines Geheimnisses auftreten, weil sie geheim halten müssen, dass sie gar nicht existieren“.

    Zahlreiche Lehrbücher der Wirtschaftsethik versuchen, diesem Verdikt zu trotzen, und auch die Unternehmen selbst sind wieder einmal zum Beweis des Gegenteils angetreten. Sie wollen sich neben ökonomischen auch an sozialen und ökologischen Zielen messen lassen. ESG ist die neue Zauberformel: Environmental, Social, Governance.

    Die Ziele sind vielleicht neu. Die Methode ist es nicht. So wie Unternehmen und Gesellschaften in den vergangenen hundert Jahren durch Benchmarks auf Effizienz, Wachstum und Wohl- stand getrimmt wurden, so organisieren wir nun einen Markt für ethisches Wohlverhalten, auf dem sich im freien Wettbewerb die Besten durchsetzen sollen. Als wolle man den Teufel mit dem Beelzebub austreiben, hat das World Economic Forum (WEF) gemäß der alten Managementweisheit „What is not measured cannot be improved“ 21 Kernkennzahlen (und 34 ergänzende) erarbeitet.

    Doch lässt sich ethisches Verhalten mit den Methoden der Wirtschaft erreichen oder gar erzwingen? Zweifel sind angebracht. Erstens teilen die erweiterten Kennzahlensysteme die Schwächen der bisherigen: Sie bilden die Wirklichkeit nur ver- kürzt und partiell ab und führen zu ungewollten Fehlanreizen. Früher hat mancher Vorstand zur Optimierung des Cashflows das Tafelsilber der Firma verkauft – heute ließe sich zum Beispiel die soziale Kennzahl, die den Lohnunterschied zwischen CEO und Mitarbeitern definiert, durch ein Outsourcing von Kantine oder Fuhrpark leicht korrigieren. Gesellschaftlich wäre nichts gewonnen. Aber der ESG-Bericht wäre gerettet!

    Zweitens sind die Wirkzusammenhänge bei den ESG-Kennzahlen uneindeutiger als bei den ökonomischen. Wenn die Kosten stärker steigen als der Umsatz, sinkt der Gewinn, das ist bei allen Unternehmen gleich. Doch wie verhalten sich etwa der Wasserverbrauch und die CO2-Bilanz zueinander? Einerseits erhöht die Frischwasserkühlung die Effizienz eines Kohlekraft- werks und senkt die spezifischen CO2-Emissionen. Anderer- seits verbraucht sie mehr Wasser als andere Optionen und er- wärmt zudem die Flusstemperatur. Was tun?

    Drittens sind die Zielgrößen der ESG-Kennzahlen nicht markttransparent. Der Gewinn eines Unternehmens lässt sich analytisch aus den (an den Aktien- und Anleihemärkten gehan- delten) Kapitalkosten eines Unternehmens ableiten und in Ziel- kosten sowie Zielwachstum umlegen. Aber welches Lohngefälle zwischen welchen Beschäftigten herrscht, welche Art von Diversität und welcher Anteil welcher Gruppe in welchen Gremien gut ist oder welche Fortbildungen sinnvoll sind – all das lässt sich nicht analytisch aus einer Marktkennzahl ermitteln. Schon die Auswahl der ESG-Kennzahlen durch das WEF war das Ergebnis eines komplexen Stakeholderprozesses. Die Ziele werden im Einzelfall mühsam ausgehandelt werden müssen.

    Die Wirtschaft ist auf ein solch umfassendes System noch nicht vorbereitet. Die Finanzabteilungen der Unternehmen sind um ein Vielfaches größer als die für ESG bereitgestellten Teams. Auch die nötigen Kompetenzen werden noch nicht im Studium gelehrt. Die Orientierungslosigkeit ist mit Händen greifbar. Ver- mutlich hat auch deswegen der „Economist“ kürzlich auf dem Titelblatt gefordert, ESG radikal zu vereinfachen und nur noch den CO2-Ausstoß zu messen. Dabei ist die von Luhmann diag- nostizierte Herausforderung im Kern noch gar nicht verstanden: Die Ethik ist kein Anhängsel der Wirtschaft. Sie unterscheidet sich von der Ökonomie in Ziel und Methode. Daher kommen wir mit einem Kennzahlensystem allein nicht weiter.

    Das Ziel der Ökonomie ist die Optimierung meines Nutzens: Ich habe Priorität vor den anderen. Der ethische Blick auf die Welt setzt hingegen mich an die zweite Stelle. Es war der französische Philosoph Emmanuel Levinas, der die individuali- sierte Selbstorientierung des westlichen Denkens radikal hinterfragte: Descartes ging es um Selbstbegründung, Spinoza um Selbstbehauptung, den modernen Wissenschaften (nicht nur der Ökonomie) geht es um Selbstoptimierung. Der andere Mensch, das Gegenüber, kommt in diesem Denken nur nachgeordnet, als Instrument, als Mittel zum Zweck vor. Er ist ein (austauschbarer) Bandarbeiter oder Verkäufer oder CEO. Es geht nie um ihn, immer um seine Funktion in einem System, das meiner Optimierung dient.

    Angesichts der Katastrophen des 20. Jahrhunderts, die die Philosophie der Selbstoptimierung nicht verhindern konnte, schlug Levinas einen anderen Zugang zur Welt vor. Die Kern- frage menschlicher Existenz ist für ihn nicht: „Warum existiert überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“, so wie sie von Aristoteles bis Leibniz gestellt wurde. Auch nicht die große Frage der Aufklärung, worauf ich meine Erkenntnis gründen könne. Stattdessen sei die erste Frage, die ich mir stellen müsse: „Woher nehme ich das Recht, meinem Nächsten den Platz wegzunehmen – die Nahrung, das Wasser, die Luft zum Atmen?“

    Levinas führt die Überlegung aus: Wenn es nur mich und den anderen gäbe und ich nicht schuldig werden wolle an seinem Tod, müsste ich im Extremfall mein Leben für das seine geben: Es gebe keine Rechtfertigung für mein Überleben für den Preis seines Todes. Das ist die ethische Perspektive auf die Welt, die ohne die unsichtbare Hand auskommt und die mich radikal in die Verantwortung nimmt. Dieser Blick auf die Welt ist für Levinas prioritär gegenüber allen anderen Sichtweisen. Die Ethik ist für ihn die erste Philosophie.

    Doch mit der Umkehrung der Zieldefinition fangen die ethischen Probleme erst an: Es gibt ja viele Nächste. Wie wäge ich zwischen ihnen ab? In welcher Verantwortung stehe ich wem genau gegenüber? Wer braucht mich mehr? Welche Kompromisse muss ich zu wessen Gunsten schließen?

    Mit welcher Methodik bekommen wir diese Fragen in den Griff ? Wenn die Intensivstation fast voll ist, welche Patienten werden dann noch aufgenommen? Beende ich die Behandlung von manchen Patienten, um Platz für andere zu schaffen? Wen soll der Algorithmus des autonom fahrenden Autos bei einem Unfall opfern? Den Fahrer oder die Passanten? Und welche Passanten? An welcher Krankheit forschen wir mit welchen Mitteln? Alzheimer oder Malaria?

    Bislang haben Unternehmen solche Fragen anhand ökono- mischer Interessen beantwortet. Seit 1995 wurden von privaten Geldgebern jährlich durchschnittlich rund 1,5 Milliarden Dollar in klinische Tests für Alzheimer-Demenz-Medikamente inves- tiert; die jährlichen Investitionen der Industrie in Forschung und Entwicklung zur Bekämpfung von Malaria beliefen sich in den vergangenen 15 Jahren auf ein Zehntel der Summe.

    Wir haben es uns angewöhnt, uns selbst aus der philosophischen Weltbeschreibung im Sinne der ökonomischen Optimierungsgleichung herauszukürzen: Sie wurde allgemeingültig und ließ uns ruhig schlafen. Unser Zugang zur ökonomischen Welt beschränkt sich auf die Darstellung und Analyse von neutralen Sachverhalten. Doch das wird bei ethi- schen Fragestellungen nicht ausreichen. Die Entscheidung über das Leben eines anderen Menschen ist eine Entschei- dung, die ich nicht delegieren kann – weder an den Markt noch an einen Algorithmus. Solche Entscheidungen erfordern ein konkretes Subjekt, das individuell Verantwortung über- nimmt.

    Die ESG-Kennzahlen können uns das ins Bewusstsein ru- fen. Aber für Entscheidungen, die uns und unsere Gesellschaft ethisch tragen, braucht es mehr: Wir müssten unsere Werte verstehen und die Werte unserer Umwelt. Wir müssten Kompetenzen entwickeln, diese Werte mit den Herausforderungen unserer Zeit ins Gespräch zu bringen. Wir müssten in der Auseinandersetzung mit anderen zu einem Urteil gelangen und für es einstehen. Wir müssten den ethischen Blick einüben und gegen die verengte ökonomische Rationalität verteidigen. Dann gelängen uns vielleicht Entscheidungen, für die wir auch mor- gen noch einstehen können.

    Das wird nicht leicht: Die großen Fragen sind unentscheidbar und müssen doch entschieden werden – Aporie der Verantwortung. Für Levinas ist jedoch genau diese Verantwortung der Kern meiner Existenz: Bürde und Würde des Menschseins zugleich.

    Erstveröffentlichung: WirtschaftsWoche 41, 7.10.2022