»Die Grenzen meiner Sprache
bedeuten die Grenzen meiner Welt.«
Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus, 1922 (5.6)

»Sagen, was ist«
Aber was ist eigentlich ›was ist‹?
»Sagen, was ist.« – Aber was ist eigentlich, was ist?
Diese Woche hob DER SPIEGEL den Kandidaten der AfD für das Amt des Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt auf den Titel. Seither prasselt Kritik auf die Redaktion ein, von rechts bis links, von Bosbach bis Bartsch, von FAZ bis taz. In seltener Einmütigkeit kritisiert man das Nachrichtenmagazin.
Dirk Kurbjuweit vom SPIEGEL rechtfertigt die Entscheidung der Redaktion: Sagen, was ist. – Das sei der Auftrag des Gründers. Unter Berufung auf dasselbe Zitat wittert der PIONEER Gabor Steingart, DER SPIEGEL sei »auf dem Weg, ein linkes Fox News zu werden.« Er sage nicht mehr, was ist, sondern mache Meinungsjournalismus.
Ist ist nicht ist
Aber was ist das eigentlich, was ist? Oder mit Aristoteles gefragt: »τί τὸ ὄν (tí tò ón) – was ist das Seiende?« – Entgegen der Annahme und der Unterstellung, die sowohl SPIEGEL als auch PIONEER treffen, dass man das, was ist, so einfach sagen könne, erklärt schon Aristoteles vor fast 2400 Jahren: »Das Seiende aber sagt sich auf vielfache Weise aus« – τὸ ὂν λέγεται πολλαχῶς (to on legetai pollachōs). Er entwickelt eine Theorie von Kategorien, die unsere Rede vom Seienden ordnen: die Quantität, die Qualität, die Position, die Relation, usw.
Vereinfacht gesprochen: Das Wort ist meint immer etwas anderes, je nachdem ob ich sage: Es ist heiß. Oder: Sie ist intelligenter als er. Oder: Friedrich Merz ist Bundeskanzler. Oder gar: Friedrich Merz ist ein guter Bundeskanzler.
Aristoteles identifizierte rund zehn Kategorien, wie sich das Seiende aussagen lässt. Vieles, das etwas oder jemand ist, ist veränderlich. Der Apfel ist erst unreif und dann reif. Er ist erst am Baum, dann auf dem Boden. Er ist meiner oder deiner. – Doch es gibt etwas, das der Apfel selbst ist, seine ousia, wie Aristoteles das nennt, seine Substanz oder Essenz, wie das Lateinische es übersetzte, ja sogar das hypokeimenon, das Zugrundeliegende, woraus das neuzeitliche Subjekt wurde.
Wenn wir sagen wollen, was ist, dann suchen wir jenes (unveränderliche, wahre) Wesen der Dinge. Den Kern, das Zugrundeliegende. Das ist der Anspruch des SPIEGEL und der Vorwurf des PIONEER. Doch schon den alten Griechen war klar, dass sie hier auf der Spur eines Paradoxes waren. Plutarch erzählt vom »Schiff des Theseus«, bei dem nach und nach alle Planken ersetzt worden waren. Die einen behaupteten, das Schiff sei nach wie vor dasselbe geblieben, die anderen hingegen, es sei nicht mehr dasselbe. Wie soll man da noch sagen, was ist?
Sprache als »Haus des Seins«
Wir kürzen radikal (und in unzulässiger Weise) ab: Die Philosophie sollte zu der Einsicht gelangen, dass das Wesen eines Dings keine inhärente Eigenschaft ist, sondern eine sprachliche Zuschreibung.
»Die Sprache ist das Haus des Seins. In ihrer Behausung wohnt der Mensch« (Heidegger, Brief über den Humanismus, 1946)
Da wir in ihr wohnen, kommen wir mit der Sprache nicht über die Sprache hinaus. Das Problem des Sagens, was ist, liegt nicht im ist. Es liegt im Sagen.
»Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt« (Wittgenstein, Tractatus 5.6)
Daher sieht die Welt in anderen Sprachen anders aus (Guy Deutscher). Die Wirklichkeit gibt es nicht in Reinform.
Sprache selbst hat keinen Fixpunkt, sondern besteht aus gegenseitigen Verweisen (Saussure). Spätestens seit Sprachmodelle alle möglichen tollen Sätze formulieren, ohne jemals die Welt gesehen zu haben, ist das klar. Doch das bedeutet auch, dass wir Aussagen darüber, ob etwas wahr ist oder falsch ist, nur innerhalb eines (sprachlichen) Referenzsystems tätigen können.
Diese Einsicht öffnet nicht die Tür zum absoluten Relativismus: Denn sobald wir uns auf ein Referenzsystem festgelegt haben, sind in diesem Referenzsystem sehr wohl wahre und unwahre Aussagen möglich. Wer das Referenzsystem der Medizin akzeptiert, der muss akzeptieren, dass Masernimpfungen Leben retten. Wer das Referenzsystem der Physik akzeptiert (und die meisten verlassen sich auf die Bremsen in ihrem Auto), der muss akzeptieren, dass die Erderwärmung sich dem CO2-Ausstoß der jüngeren Vergangenheit verdankt. – Man kann auch beides leugnen; doch dann befindet man sich in einem (performativen) Selbstwiderspruch und wird nicht mehr ernst genommen, wie Habermas und Apel gezeigt haben.
Sagen, was ist?
Dem SPIEGEL gelingt nun das Kunststück, sich sowohl in einen Widerspruch zu verstricken, als auch eine Tautologie zu äußern:
»Die AfD ist da, leider ist sie stark und damit relevant, deshalb ist sie Gegenstand unserer aufklärenden Berichterstattung, in jeder Form.« (Hervorhebung von mir)
Damit sagt er eigentlich: »Über die AfD wird gesprochen, leider wird viel über sie gesprochen, deshalb sprechen wir über sie.«
»Über die AfD wird gesprochen, deshalb sprechen wir über sie.« – Das ist das Offensichtliche, die Tautologie: a = a. Und: »Leider wird viel über sie gesprochen, deshalb sprechen (auch) wir über sie.« Das ist der Widerspruch: a ≠ a.
Damit schreitet DER SPIEGEL in einem Satz die Grenzen der abendländischen Logik ab:
»Die Kontradiktion ist die äußere Grenze der Sätze, die Tautologie ihr substanzloser Mittelpunkt« (Wittgenstein, Tractatus, 5.143)
Sprache schafft Wirklichkeit
Doch die Lage ist noch komplizierter: Wo es in Medizin und Klimaforschung beobachtbare Veränderungen eines Systems gibt, die von unserer Sprache unabhängig sind, gibt es das im politischen System nicht. Denn das politische System besteht nur aus Sprache. Politik handelt durch Sprache. Gesetze sind Sprache. Und auch Wahlen sind sprachliche Äußerungen. Selbst der Befehl zur Ausübung des Gewaltmonopols ergeht in sprachlicher Form. Das ist die große Herausforderung der Beschreibung von Diskursen in und über Politik, Gesellschaft und Kultur: Die Sprache sagt nicht einfach, was ist, sondern sie schafft die Wirklichkeit, die sie beschreibt.
Wenn der AfD-Kandidat das SPIEGEL-Cover signiert, nutzt er ein kulturelles Symbol und verändert die Wirklichkeit: Aus einem aufklärerischen Fahndungsplakat wird eine Autogrammkarte, aus dem Verbrecher der Popstar. So gestaltet Sprache Wirklichkeit. Sie tut das explizit, wie John Austin in seiner Sprechakttheorie ausgeführt hat. Sie tut es aber auch implizit, wenn sie nur behauptet zu sagen, was ist. Oder wenn sie anderen vorwirft, eben jenes nicht zu tun.
Jeder Artikel, jeder Kommentar verändert den Referenzrahmen. Dirk Kurbjuweit schreibt: »Wir leiden nicht an der Hybris zu glauben, dass wir mit unserem Journalismus Wahlergebnisse beeinflussen können.« – Das ist keine Hybris, das ist die Funktionsweise des öffentlichen Diskurses.