»Wer sein Leben schätzt,
wird die Zukunft zugunsten der Gegenwart berauben – zumindest so weit, wie es nötig ist, um am Leben zu bleiben.«
Irving Fisher, The Theory of Interest, 1930

Verzinste Ungeduld
Woran sollen wir noch glauben?
40 Billionen Dollar Staatsschulden, ein Haushaltsdefizit von knapp 6 Prozent des BIP, und die Rendite langfristiger Staatsanleihen auf einem 25-Jahres-Hoch. Die meisten Experten nennen Unsicherheit als den ausschlaggebenden Grund und manche warnen vor einer neuen Finanzkrise. Der US-Finanzminister hat sich indes entschieden zu spekulieren und kauft langfristige Anleihen mit kurzfristigen zurück. Damit testet er faktisch die These, der Zins sei ein rein monetäres, also virtuelles Phänomen. Vielleicht lohnt ein Blick auf die Argumente Irving Fishers, der vor fast 100 Jahren die bis heute einflussreichste Theorie des Zinses vorlegte. Für ihn war der Zins ein reales Phänomen, grundgelegt in der menschlichen Ungeduld.
Zins als reales Phänomen
In seinem noch heute lesenswerten Buch The Theory of Interest. As Determined by Impatience to Spend Income and Opportunity to Invest It. (1930) argumentierte Fisher, unsere Bereitschaft, Geld anzulegen, also gegenwärtiges gegen künftiges Einkommen zu tauschen, hänge von vier Faktoren ab: von der Größe des künftigen Einkommensstroms (also implizit der Verzinsung), seiner Verteilung über Zeit, seiner Zusammensetzung und seiner Unsicherheit. Je früher wir das Einkommen erhalten und je sicherer es sei, desto niedriger müsse das künftige Einkommen im Vergleich zum aktuellen sein. Der Markt führe diese Faktoren und die individuellen Präferenzen zusammen und bestimme den Marktzins für verschiedene Investments.
Ungeduld und Sterblichkeit
Die Frage, warum wir überhaupt einen Zins verlangen, führte Fisher auf die menschliche Ungeduld zurück. Wir konsumieren und genießen lieber heute als morgen. Wenn es um unser Leben gehe, dann seien wir sogar bereit, die gesamte Zukunft aufs Spiel zu setzen. Vielleicht hat die Kirche deshalb jahrhundertelang das Zinsnehmen ganz verboten. Ungeduld galt ihr als Sünde, weil der Ungeduldige, die eigene Zeit über die Zeit Gottes stelle. „Wer geduldig ist, der ist weise; wer aber ungeduldig ist, der offenbart seine Torheit.“ (Sprüche 14,29). Bis heute gilt Geduld als eine Tugend. Kein Wunder, dass wir sie unsere Kinder verzweifelt lehren wollen.
Wer aber nicht an ein ewiges Leben glaubt – die Gründungshypothese unserer säkularen Welt –, für den ist Geduld ein schwieriges Geschäft. Denn durch den immer möglichen Tod riskiert er, sein investiertes Geld jederzeit ohne Gegenleistung zu verlieren. Daher schätzen wir die Gegenwart höher als die Zukunft: »Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.« Oder, neudeutsch: FoMo – fear of missing out. – Ungeduld ist ein Zeichen unserer Sterblichkeit. Und der Zins ist dafür der Preis.
Kredit kommt von credere
Wenn die Zinsansprüche insgesamt steigen, werden wir nach dieser Lesart also ungeduldiger. Doch in Krisensituationen ist das anders. Da ändert sich nicht unser Verhältnis zum Tod, sondern unser Verhältnis zu unserem Glaubenssystem. Nicht von ungefähr stammt Kredit von lateinisch credere – glauben.
In der letzten Finanzkrise verloren wir den Glauben an den Wert von Hypothekenkrediten, die als der Hort von Sicherheit und Verlässlichkeit galten, da Menschen immer eine Wohnung brauchen. Dass Hypotheken in großem Stil ausfallen könnten, galt lange als schlicht undenkbar. Doch Anleger verloren damals nicht bloß das Vertrauen in eine Anlageklasse unter vielen, sondern in den Wert von Sicherheit selbst. Der Begriff Sicherheiten (securities) oder Besicherung war nichts mehr wert.
Grenzenlose Geduld
Daher war es kein Zufall, dass die Zentralbanken die Zinsen auf Null senkten und manche am Ende sogar ins Negative. Das war ein Versprechen: dass an der Grenze des Finanzsystems ein Akteur mit grenzenloser Geduld bereitstehe, ein Akteur, der nicht nur bereit ist, eine Ewigkeit (0 Prozent) auf sein Geld zu warten, sondern sogar länger als eine Ewigkeit. Die Zentralbanken taten, was einem Akteur innerhalb des Systems nicht möglich gewesen wäre. Sie brauchten keine irdischen Sicherheiten, weil sie als Geldgeber unendliche Geduld hatten und Geld aus dem Nichts schöpften. Beides ursprünglich einmal göttliche Qualitäten.
Der Eingriff der Zentralbanken war damals eine Wette auf die Wirtschaft als Ganzes. Der Nullzins trug eine implizite Botschaft in sich: Das Ganze ist mehr wert als die Summe seiner Teile, selbst als die sichersten Teile. Um das System zu erhalten, wetten wir mit dem System auf das System. Und wir alle wollten es glauben.
Das Problem dieses Mal: Auch die amerikanischen Staatsanleihen stehen für das System. Als Indikator für den risikofreien Zinssatz sind sie das Fundament für den Glauben an das Geld. Was soll also der Einsatz dieses Mal sein?