“Apparently at realistic profit rates,
it doesn’t pay to keep a forest in existence at all.”
Paul Samuelson, 1976

Würden wir heute noch einen Baum pflanzen, wenn morgen die Welt unterginge?
Samuelson, die Diskontierung der Zukunft und die Rodung der Wälder
Es herrscht Weltuntergangsstimmung. Der Wirtschaft geht es nicht gut, daher werden ökologische Anstrengungen in Frage gestellt. Zeit, die philosophische Frage zu stellen: Würden wir heute noch einen Baum pflanzen, wenn morgen die Welt unterginge?
Der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Samuelson hat diese Problematik 1976 in einem Beitrag zur nachhaltigen Forstwirtschaft analysiert. Er berichtet von Unternehmensberatern, die herausgefunden hätten, dass Bäume-Pflanzen sich nicht lohne, man zur Optimierung des Ertrags die Bäume sogar fällen müsse, bevor man sie pflanze.
Optimierung des Ertrags
Fragt man Forstwissenschaftler nach dem maximal nachhaltigen Ertrag eines Waldes, verweisen sie auf einen bestimmten Zeitpunkt zum Fällen der Bäume: jenen Moment, in dem das erwartete Wachstum des Baumes im kommenden Jahr unter sein bisheriges durchschnittliches Wachstum fällt.
Ab diesem Zeitpunkt liefert ein neu gepflanzter, junger Baum über seinen Lebenszyklus hinweg pro Jahr mehr Holz, als der alte Baum im nächsten Jahr noch zulegen würde. Wer zu diesem Zeitpunkt erntet, maximiert den langfristigen Gesamtertrag an Holz.
Optimierung des Geldertrags
Ökonomen denken anders. Für sie ist biologisches Wachstum nur ein Teil der Rechnung. Ebenso entscheidend sind die Opportunitätskosten, die in der Investitionsrechnung durch den Diskontierungszinssatz abgebildet werden.
Folgt man dieser Logik, muss ein Baum gefällt werden, sobald seine Wachstumsrate nicht mehr über dem Marktzins liegt. Da die Natur den Kapitalmarkt mit seinen Renditeerwartungen selten schlägt, wäre es fast immer besser gewesen, den Baum bereits im letzten Jahr zu fällen und den Erlös in einen ausgewogenen ETF zu investieren. – Das ist die Logik der Unternehmensberater.
Rodung der Wälder als Konsequenz
Diese Logik prägte die ökonomisch betriebene Forstwirtschaft seit Beginn der Neuzeit – zunächst, als Holz für den Schiffsbau benötigt wurde, später in der frühen Industrialisierung, als es als Energieträger und für die Eisenverhüttung diente. Das Ergebnis war absehbar: Große Teile der Wälder in Europa und Nordamerika verschwanden.
Nachhaltigkeit allein rechnete sich nicht. Das war damals ökonomisch rational – und es ist es bis heute. Die anhaltende Rodung der Urwälder liefert den empirischen Beleg.
Die Angst vor dem Tod als Ursache
Das Problem entsteht aus dem ökonomischen Zeitdenken. Etwas heute haben ist mehr wert als etwas morgen haben. Das ist die ökonomische Konsequenz der Tatsache, dass ich nicht ewig lebe. Weil ich morgen sterben kann, ist das heutige Einkommen dem morgigen vorzuziehen.
Die Verzinsung übersetzt diesen Gedanken in Rechenmodelle und liefert einen NPV. Und bei sehr langfristigen Investitionen – eine Eiche wächst 200 Jahre lang – geht dieser NPV gegen Null.
Der nahe Tod als Gegenargument
Doch der nahende Tod lässt sich auch anders deuten. Je näher er kommt, desto geringer wird die Bedeutung von Zinsunterschieden, einfach weil der Effekt des Zinseszinses schwindet. Plötzlich lohnt sich selbst das Pflanzen von Bäumen, weil die Renditeunterschiede nicht mehr so hoch ausfallen.
Anders gesagt: Wenn wir morgen sterben – oder morgen die Welt untergeht, was auf dasselbe hinausläuft –, dann fallen die Opportunitätskosten auf Null, da es keine Opportunitäten mehr gibt.
Noch einmal anders: Nur wenn wir den morgigen Tag nicht mehr erleben, nur wenn morgen die Welt untergeht, rechnet es sich, heute noch einen Baum zu pflanzen. –
Wir können jeden Tag sterben.
Lasst uns Bäume pflanzen.