Greetings
from Davos

Wo endet der Westen?
Eine philosophische Nachlese zu Davos
„A Spirit of Dialogue” – Das war das diesjährige Motto des World Economic Forum. Da es um den echten Dialog in einem sokratischen Sinne, bei dem man etwas lernen könnte, bei dem man seine Einsichten und seine Zweifel vorträgt, um die Argumente des anderen zu hören, derzeit nicht gut bestellt ist, war es wohl richtig, stattdessen den Geist des Dialogs zu beschwören. – Oder etwa doch nicht?
„Lassen Sie uns bitte auch bei allem Frust und Ärger der letzten Monate die transatlantische Partnerschaft nicht voreilig abschreiben. […] Nein, wir Europäer, wir Deutsche wissen, wie kostbar das Vertrauen ist, auf dem die NATO fußt. Im Zeitalter der Großmächte werden auch die USA auf dieses Vertrauen angewiesen sein. Es ist ihr und unser entscheidender Wettbewerbsvorteil.” (Bundeskanzler Merz, Davos 2026)
So hörte sich die Beschwörung des deutschen Bundeskanzlers an. Streng nach Adam Smith appellierte er nicht an das Wohlwollen der Amerikaner, sondern an ihren Eigennutz. Er sprach als ökonomisch denkender Mensch, als jemand, der auf die Vernunft und die Kraft des besseren Arguments setzt. Gegen Ende seiner Rede beschwor er nochmals jenen Geist der Aufklärung:
“Let us be inspired by what is maybe the most important lesson of enlightenment: Our fate is in our hands. It is in our responsibility and our freedom to shape it.” (Bundeskanzler Merz, Davos 2026)
Für diejenigen, die mit Geistern wenig anzufangen wissen, hatte der französische Präsident den Kerngedanken der Aufklärung nochmals für einfache Gemüter erklärt:
“But we do prefer respect to bullies. We do prefer science to plotism, and we do prefer rule of law to brutality.” (Emmanuel Macron, Davos 2026)
– Vielfach wurde das wahrgenommen als ein mutiges Bekenntnis – dafür sprach auch die Sonnenbrille –, doch wer Macrons Rede liest, versteht, dass der Verweis auf unsere Werte auch nur als Argument für Investitionen in Europa herangezogen wurde: Hier gibt es Stabilität, hier gibt es Verlässlichkeit. Macron appellierte an das Eigeninteresse der globalen Unternehmen.
Beide Reden beschwörten je auf ihre Weise jenen Geist des Dialogs, jenen Geist der Aufklärung, der uns seit über 200 Jahren einflüstert: Ihr könnt ruhig anständig sein, es lohnt sich. Bislang ist das immer gut gegangen. Um mit dem kanadischen Premierminister Carney zu sprechen: „The fiction was useful.”
Niemand hatte bislang die Gretchenfrage gestellt: Aber was ist, wenn es sich nicht mehr lohnt? Hören wir dann auf, anständig zu sein? – Die Frage hatte bislang niemand gestellt, weil die Antwort schmerzen könnte.
Denn die Würde hat nach Überzeugung der großen Philosophen der Aufklärung keinen Preis. Sie ist nicht dem Regime der Nutzenoptimierung unterworfen. Die Würde ist, um das deutsche Grundgesetz zu zitieren „unantastbar”. Der Wert von Menschen bemisst sich nicht nach dem, was sie beitragen.
Der amerikanische Präsident glaubt hingegen, dass Menschen einen unterschiedlichen Wert haben und dass dieser Wert sich daran zeigt, inwiefern sie sich durchsetzen können:
“Many of you in this room are true pioneers. You’re truly brilliant, brilliant people. Just your ability to get a ticket is brilliant, because you have about 50 people for every seat.” (Donald Trump, Davos 2026)
Es war daher kein Zufall, dass der kanadische Premierminister zunächst auf Französisch sprach. Französisch ist nicht Carneys Muttersprache, es ist die Muttersprache einer Minderheit von rund 25% der Kanadier. Carney zollte damit jenen Respekt, die darauf angewiesen sind, dass die Mehrheit Rücksicht nimmt. Er setzte sich an die Stelle derjenigen, die Mühe haben im Chor der Starken durchzudringen, die Mühe haben von der versammelten Elite verstanden zu werden. Carney bezeugte die Diversität der menschlichen Gemeinschaft, noch bevor er inhaltlich etwas gesagt hatte. Damit setzte er sich in Stil, Inhalt und Sprache von der Rhetorik des US-Amerikaners ab.
Französisch ist die Sprache der Revolution gegen autoritäre Regime, die Sprache der Aufklärung, die Sprache, in der die Menschenrechte zum ersten Mal formal erklärt und niedergeschrieben wurden, jene Menschenrechte, die die Schwachen vor den Starken schützen. Die Amerikaner mögen es vergessen haben, aber es waren französische Soldaten, die sie in ihrem Unabhängigkeitskrieg gegen die britische Krone unterstützten. In dieser Sprache benennt Carney die Macht der weniger Mächtigen:
„La puissance des moins puissants commence par l’honnêteté.” – „Die Macht der weniger Mächtigen beginnt mit der Ehrlichkeit.” (Mark Carney, Davos 2026)
Der kanadische Premierminister verglich die heutige Situation der internationalen Ordnung mit dem von Vaclav Havel in seinem Essay Die Macht der Machtlosen beschriebenen Kommunismus der 1970er Jahre. Jeder stelle die kommunistischen Parolen ins Schaufenster, aber keiner glaube daran. Das System halte sich nur, weil niemand ehrlich sei.
Es habe lange Zeit funktioniert. Man habe dem Hegemon gelegentlich den Bruch der Prinzipien durchgehen lassen, weil man dann doch von freien Seewegen, einem stabilen Finanzsystem, gemeinsamer Sicherheit und internationalen Abkommen profitiert habe, so Carney. Das habe sich nun geändert. Die Ehrlichkeit gebiete aber nicht nur, die Situation klar zu beschreiben, sie gebiete auch, konsistent zu handeln:
“Apply the same standards to allies and rivals. When middle powers criticise economic intimidation from one direction but stay silent when it comes from another, we are keeping the sign in the window.” (Mark Carney, Davos 2026)
Carney forderte Staaten und Unternehmen auf, die Schilder aus dem Schaufenster zu nehmen. Er forderte die versammelte Elite dazu auf, zu ihren Werten zu stehen und (pragmatische) Kooperationen auf Basis dieser Werte einzugehen, statt sich in Trutzburgen um einen Hegemon zu versammeln.
Damit betont er den ideellen Charakter jener Gemeinschaft, die sich der „Westen” nennt und den auch der US-Präsident in seiner Rede so oft beschworen hatte. Doch anders als Trump meint, ist der „Westen” keine Geographie, keine Kultur, keine Ethnie und keine Hautfarbe und auch kein Geschäfts- oder Wirtschaftsmodell. Der „Westen” ist die fundamentale Überzeugung, dass sich die Würde des Menschen nicht nach seinem Nutzen bemisst. Er ist die Überzeugung, dass die Starken nicht tun und lassen können, was sie wollen, niedergelegt in der französischen Erklärung der Menschenrechte von 1789:
„Les hommes naissent et demeurent libres et égaux en droits.” (Art. 1)
„La liberté consiste à pouvoir faire tout ce qui ne nuit pas à autrui.” (Art. 4)
„Die Menschen sind und bleiben von Geburt frei und gleich an Rechten.” (Art. 1)
„Die Freiheit besteht darin, alles tun zu können, was einem anderen nicht schadet.” (Art. 4)
Und wer sich mit dem Französischen schwer tut, der kann auch in einem alten englischsprachigen Dokument nachschauen:
“We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.” (US-Unabhängigkeitserklärung, 1776)